Mission Statement

Ich fange ja gerade erst an, mich warmzubloggen. Aber nachdem Herr Rau aus seinem großartigen, gefühlt schon seit Anbeginn der Zeit existierenden Blog (das wäre dann seit dem 1.1.1970) auf meinen noch ganz jungfräulichen gelinkt hat, gehen die Zugriffe geradezu durch die Decke: Jetzt wissen offensichtlich schon 37 mir unbekannte Menschen, dass ich Lehrer werde – ist ja nicht zu fassen!

Vielleicht wäre es an diesem Punkt ja ganz gut, so eine Art mission statement für den Blog zu formulieren. Versuchen wir das doch mal hübsch ordentlich mit ein paar durchnummerierten Gedanken:

  1. Hier soll es allgemein um die Rolle von Informationstechnologie in der Schule und insbesondere um das Schulfach Informatik gehen. Das ist nur ein ganz kleiner Teil von Schule, aber der, zu dem ich vielleicht etwas Interessantes sagen kann, auch schon als Referendar, auch als Seiteneinsteiger, ohne so zu wirken, als würde ich schon bevor ich richtig angefangen habe, alles besser wissen wollen. Nichts läge mir ferner. Ich freue mich ja gerade darauf, jetzt erstmal soviel Neues lernen zu dürfen!
  2. Mein Mantra: Informatik ist, wenn ein intelligenter Mensch eine dumme Maschine dazu bringt, nahezu beliebige Probleme für ihn zu lösen. Damit das klappt, muss der Mensch das Problem a) selbst so durchdringen, dass er es der dummen Maschine b) „erklären“ und ihr „beibringen“ kann, was sie c) zu tun hat.
  3. Also ist informatisches Denken ein Training in a) Problemanalyse b) Kommunikation und „Lernen durch Lehren“ (mit dem Computer als Schüler) sowie c) Handlungsorientierung (beide, Mensch und Computer, tun etwas, am Ende steht ein sichtbares Ergebnis, ein Produkt)
  4. Dieses gleichzeitig analytische, aber auch praktisch problemlösende Denken scheint mir eine generell erstrebenswerte Fähigkeit für jeden Menschen zu sein. Insofern finde ich natürlich auch, dass jeder Mensch in den Genuss von Informatikunterricht kommen sollte 😉
  5. Zur Notwendigkeit, in einer nahezu vollständig informationstechnologisierten Welt wenigstens halbwegs zu verstehen, was da eigentlich passiert in Handy, Notebook, Internet, brauche ich wohl nichts zu sagen.
  6. Und von der wirtschaftlichen Bedeutung der Informatik will ich nicht reden. (Wenn die mein zentrales Anliegen wäre, hätte ich einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen.) Aber dazu braucht es mich auch nicht; jeder weiß Bescheid über die Bedeutung der IT im 21. Jahrhundert für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland blablabla usw usf.
  7. Aber warum, bei all dem was ich bisher aufgezählt habe, ist nicht schon längst jeder Lehrer, Rektor und Kultusminister von der Informatik als Schulfach überzeugt? Und v.a. warum interessieren sich auch die Schüler so wenig, warum gehen die Studierendenzahlen in Informatik immer weiter zurück? Und, mir persönlich am wichtigsten: Wo sind die Mädchen und Frauen?
  8. Dafür gibt es vielfältige Gründe, aber der wichtigste ist sicher, dass Informatik als dröge gilt, als etwas für die, die zu meiner Schulzeit „Mathe-Physik-Spacks“ genannt wurden und heute Geeks oder Nerds heißen. Ich könnte ja jetzt aufheulen und mich über dieses ungerechte Klischee aufregen. Tatsache ist aber, dass den Schülern jahrzehntelange Informatik genau so verkauft wurde und, wie ich fürchte, auch heute oft noch wird. (Nicht speziell von den Lehrern; die ganze Gesellschaft redet ihnen das ein und schon ziemlich früh sie sich dann selbst!)
  9. Mein Ziel st es, Schülern zu zeigen, dass Informatik etwas ungeheuer Kreatives ist und dass insbesondere das Thema, auf das diese Kreativität angewandt wird, völlig frei wählbar ist.  Ich habe jede Menge Ideen für fachübergreifende Projekte aus den Bereichen Bildende Kunst, Musik, Literatur, Fremdsprachen, Deutsch (meinen eigenen privaten Interessensgebieten). Wo immer es geht, möchte ich vermeiden, mathematische Probleme als Motivation und Beispiel bemühen, um so hoffentlich dem Vorurteil zu begegnen, Informatik sei nur „Mathe mit Computern“.
    Viele Künstler entdecken heutzutage irgendwann eher durch Zufall, dass sie mit Hilfe des Computers Schönheit produzieren können. Mein Wunsch ist es, dass auch schon die künstlerisch-sprachlich interessierten SchülerInnen* die Chance auf so ein Aha-Erlebnis haben. Und umgekehrt: dass die eher analytisch Denkenden womöglich dadurch einen Zugang zu Musik, Bildender Kunst oder Sprache finden, der ihnen vielleicht sonst verwehrt bliebe.
  10. Weiter oben habe ich es schon angedeutet: Die Tatsache, dass Schüler und Computer bei der Lösung eines Problems interagieren, halte ich für absolut faszinierend und für didaktisch noch viel zu wenig erschlossen. Schüler sind dabei mal in der Rolle des Lehrers, der dem Computer etwas beibringen muss, mal in der Rolle des Lernenden, der vom Lehrer Computer ständig individuelles Feedback bekommt. Wenn dann noch sowas wie Pair Programming (oder eine andere Form von kollaborativem Problemlösen) praktiziert wird, können sich – das stelle ich zumindest mal als Hypothese in den Raum – wunderbar vielschichtige, abwechslungsreiche Formen von Kommunikation und Kooperation ergeben, die, so hoffe ich, nicht nur den Lernstoff entwickeln, sondern idealerweise auch zu so etwas wie einem Lern-Flow bzw. Montessoris Polarisation der Aufmerksamkeit führen. Dieser Flow kann v.a. da entstehen, wo man ausprobierendes, iteratives Vorgehen zulässt und fördert. Mal sehen, ob dafür in der Schule von heute Zeit ist.
  11. Da habe ich ja jetzt einige große Worte geschwungen. Deshalb zum Schluss mein vielleicht wichtigstes Anliegen: Informatik kann großen Spaß machen und das möchte ich weitergeben. Interessesanterweise haben heutzutage Jugendliche außerhalb des Unterrichts jede Menge Spaß mit Informatik: mit Apps auf ihrem Handy, Interaktion jeder Art im Web und Spielen an der Konsole. Es muss doch möglich sein, sie da abzuholen! Wo immer es geht, werde ich versuchen, Konzepte auf spielerische Art und anhand von Spielen zu vermitteln. Spiele sind aus vielen Gründen toll für den Unterricht, glaube ich, v.a. aber wohl, weil sie signalisieren „Hier darf Spaß gehabt werden!“

So, und das ist mein mission statement vor Beginn des Referendariats.  Viele Lehrer, die ich treffe und auch schon Kommentare hier im Blog, warnen mich vor Ernüchterung, hoffen, dass ich große Frustrationstoleranz habe und sagen mehr oder weniger deutlich „Warte du nur ab, bis du mal siehst, wie das wirklich läuft da draußen!“ Nein, ich bin nicht so blauäugig zu glauben, ich könnte das einfach alles so praktizieren und alle Schüler fielen mir um den Hals vor Freude und Glück ob der Wunder, für die ich ihnen endlich die Augen geöffnet habe. Aber genau deshalb ist jetzt, bevor ich selbst betriebsblind im Hamsterrad stecke (yeah, Metaphern-Mashup!), ein guter Zeitpunkt, mir zu vergegenwärtigen, was und wohin ich eigentlich will. Mal sehen, wie weit mich mein augenblicklicher Enthusiasmus trägt.

Das war’s. Hoffentlich existiert der Blog in zwei Jahre noch. Dann kann ich mir diesen Eintrag ja mal vornehmen und sehen, was daraus geworden ist.

*Hier benutze ich einmal bewusst das Binnen-I, werde es aber ansonsten sein lassen. Wo es geht, werde ich versuchen, eine sprachlich befriedigende geschlechtsneutrale Formulierung zu finden. Wo ich aber das Gefühl habe, dass eine alle Geschlechter umfassende oder neutrale Bezeichnung zu umständlich wird, den Lese-/Schreibfluss stört und vom (nicht gender-spezifischen) Inhalt ablenkt, werde ich ohne Skrupel die übliche, d.h. leider meist die männliche Form verwenden. Sorry.

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8 Gedanken zu „Mission Statement

  1. Das liest sich alles schon sehr schön. Nur muss ich doch mal zum Thema Flow einhaken, da mich das Thema einige Zeit beschäfigt hat und in der Internetseite: http://www.flow-learning.de gemündet hat.
    1.) Schüler sind im Flow, wenn sie nicht mitbekommen, dass es schon geklingelt hat.
    2.) Schüler kommen in den Flow, wenn die Wechselwirkung aus Aufgabenschwierigkeit und eigenen Fähigkeiten sich die Waage hält. Will meinen: Die Aufgaben muss schwer, aber lösbar sein, so dass der Schüler beim erfolgreichen Erarbeiten so etwas wie Stolz auf sich empfinden kann.
    3.) Der Punkt 2) führt dabei gerade in der Informatik oft zu einem Problem, da die Schüler sich ausgesprochen stark im Leistungsvermögen unterscheiden: Wie sollen mehrere Schüler einen Roboter programmieren, wenn die einen nicht mal eine Zählwiederholung ohne Nachzuschlagen programmieren können und die anderen fließend in mehreren Programmiersprachen bewegen können. Daher versuche auf meinem Blog Aufgaben unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades mal darzustellen.
    4.) Spaß wird völlig überbewertet! Ich versuche das mal zu erläutern:
    An welchen Lehrer erinnert man sich am meisten? An die streng und gerechten Lehrer, die einen gefordert haben. Das hat nicht immer Spaß gemacht, aber man hat was gelernt. Immer nur Filme schauen, macht zwar vielleicht Spaß, aber befriedigend (-> Flow) ist es nicht. Außerdem ist Spaß nicht messbar und daher auch eine schwierige Kenngröße.

    Und vielleicht als letzten Hinweis fürs Referendariat – vor allem wenn man vorher an der Uni war: Im Schnitt ist ein Drittel einer Klasse nicht motiviert. Das hängt zwar von der Klasse und vom Thema ab, aber es gibt immer ein paar Unmotivierte, die auch was lernen müssen und die erzogen werden müssen. Man hat ja auch einen Erziehungsauftrag. An der Uni fällt das weg. Wenn da einer nicht mit macht, selber schuld. Wenn ein Schüler nicht mitmacht, wird gleich der Lehrer verantworltich gemacht.

    In Frankreich haben wohl ein paar Eltern einen Referandar als Geisel genommen, weil er nicht streng genug war und zu wenig Hausaufgaben aufgegeben hat.

    Dennoch unterrichte ich gerne, denn es macht Spaß 😉 , wenn die Schüler wieder was gelernt haben und einen Anlachen und nach dem Unterricht kommen, weil sie noch tiefergeifende Fragen haben und wenn die Eltern kommen und sagen: Informatik macht meinem Kind bei Ihnen richtig Spaß…

    • Cool, deine Flow-Seite! Werde mich demnächst mal reinvertiefen. Das ist genau die Art von Feedback und Vernetzung, die ich mir durch den Blog erhofft habe!

      Zu 3): Ja, das Problem kenne ich noch aus meiner eigenen Schulzeit. Solange jeder für sich arbeitet, kann ich ja mit meiner „Bandolino“-Idee experimentieren. Aber in der Gruppe? Keine Ahnung. Aber dafür werde ich ja hoffentlich ganz viele tolle Methoden lernen in den nächsten anderthalb Jahren!

      Zu 4): An die Lehrer, die mich gefordert haben, erinnere ich mich tatsächlich sehr gerne. Aber es kommt mir vor, als ob keiner von denen besonders streng sein musste. Streng waren eher die, die die Klasse inhaltlich nicht gefesselt haben. Aber vielleicht verkläre ich auch.
      Du hast schon recht, „Spaß“ ist vielleicht das falsche Wort. Was ich meine ist eher sowas wie „Begeisterung“. Keine Ahnung, wie man die weckt. Aber es gibt ja nur wenige Schulfächer, wo man einfach mal was ausprobieren darf oder wo man ein abstraktes Konzept wie den endlichen Automaten mittels so schöner Beispiel wie „Freundin“ oder der KI aus dem aktuellen Lieblings-Shooter einführen kann (http://lameness-prevails.com/?p=62) – was vielleicht keine so gute Idee wäre, aber vielleicht ein paar aus dem unmotivierten Drittel aufweckt 😉

      Erziehungsauftrag: Ja, du hast natürlich absolut recht. Ich bin mir auch der Gefahr sehr bewusst, da zu akademisch reinzugehen, und hab mir fest vorgenommen, in allererster Linie Pädagoge zu sein und erst in zweiter Fachvermittler und Coding-Lobbyist, auch wenn das vielleicht hier jetzt so rüberkommt. Ich hoffe einfach, dass meine generell sehr große Sympathie für Jugendliche mir dann in der konkreten Klasse, beim konkreten Schüler hilft, nicht einfach jemanden links liegenzulassen.

      P.S. Es ist ja offensichtlich ein Mem unter den bloggenden Informatik-Lehrern: Bei mir wird eine Ukulele unter dem Weihnachtsbaum liegen!

  2. Die Punkte oben kann ich alle so ungefähr unterschreiben, hätte sie aber nie so klar formulieren können, dazu bin ich in manchen Dingen zu unordentlich. Ich halte das als Ziele nicht für unrealistisch, man muss halt damit leben, dass man nicht alles bei allen erreicht, und manchmal nicht einmal bei vielen.
    Befriedigung sollte der Unterricht bereiten, ja. Das kann bei strengen oder milden, ernsten oder lustigen Lehrern sein. (Eher seltener bei den lustigen, in meiner Erinnerung.) Wichtig und nicht immer erreicht: angstfrei sollte das sein.

  3. Pingback: Lehrerzimmer » Archiv » Zustandsautomaten in der 10. Klasse

  4. Ich finde, Informatik hat gegenüber den anderen Naturwissenschaften den Vorteil, dass die teilnehmenden Schüler sich auch auf ein neues Fach einlassen wollen. Bio, Chemie und Physik kennen sie schon. Informatik ist Computer. Computer ist Facebook. Facebook ist lustig. Also ist Informatik lustig. Und wenn man dann über Datenschutz bei Facebook redet oder über den Umgang mit den eigenen Daten im Netz..
    Dann kann man auch mit einer Aufgabe sehr binnendifferenziert arbeiten. Während der eine gerade die Katze 10 Schritte laufen und einmal miauen lässt, kann der nächste schon mal die dreimalige Wiederholung ausprobieren.
    MeinerAnsicht nach ist Informatik ein Fach, in dem man viel ausprobieren kann, ohne dass etwas kaputt geht (wie etwa in Chemie), und man sofort die Rückmeldung vom Computer (nicht vom Lehrer!) erhält, wie es funktioniert.

    • Und das schöne für den Lehrer ist, dass der Stoff sich langsam aber stetig ändert und man selbst immer wieder was Neues lernen kann. Denn wer weiß, ob wir in 10 Jahren noch Java unterrichten oder Powerpoint. Vielleicht läuft das dann alles unter Google und es wird gar nicht mehr programmiert oder …. oder …. oder ….

    • Ja, genauso sehe ich es auch! Schön, wenn das in der echten (Schul-)Welt auch so läuft.

      Ah, „Binnendifferenzierung“ – der Begriff hat mir neulich noch gefehlt! Genau das ist meine Hoffnung mit dem Computer-Bandolino. Wir werden sehen…

  5. Pingback: Weihnachtsferienbeschäftigung | Lehrzeit

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