Das Informationstechnik-Paradoxon

Ich habe hier mehrere halbfertige Blog-Artikel zu Themen, die mir wirklich am Herzen liegen – aber finde im Augenblick (u.a. wegen anstehender Unterrichtsbesuche und Prüfungen) keine Zeit, diese angemessen abzuschließen.  Deshalb drehe ich – schon ganz Lehrer! – den Spieß einfach mal um und mache auf SchülerLeseraktivierung.

Aufgabe: Erörtern Sie (im Kommentar hier, auf Twitter oder auf Ihrem eigenen Blog) die Thesen des folgenden Rants:

Wir sind umgeben von Informationstechnologie. Kleinkinder bedienen iPods, ihre Großeltern IPads und alle anderen zumindest ein Smartphone.  Der Computer ist für einen Großteil der Bevölkerung zum unverzichtbaren Arbeits- und Kommunikationsmittel geworden.  Und selbst wenn ein Objekt des täglichen Lebens nicht aussieht wie ein Computer, z.B. ein Auto, eine Heizung, ein Geldautomat oder eine Supermarktkasse, wird es doch häufig von einem solchen unterstützt oder kontrolliert.  Informationstechnologie ist ubiquitär, nicht nur in der Arbeitswelt, sondern insbesondere auch in der Freizeit vieler Menschen.

Paradox ist, dass Informationstechnik immer einfacher zu verwenden, aber offenbar immer weniger zu begreifen ist.  Programmierung – die Kunst, einer Maschine beizubringen, wie sie meine Probleme für mich lösen kann – gilt (mehr als noch vor zwanzig Jahren!) als arkane Kunst, schwierig und undurchdringlich, denjenigen Außenseitern vorbehalten, die sich möglichst gut in eine Maschine „hineinversetzen“ können – und wer will das schon?

Das Resultat: Wir leben in der verrückten Situation, unser Leben von etwas abhängig zu machen, das wir nicht verstehen und (mangels Verständnisses) auch nur unzureichend kontrollieren können – aber wir hoffen eben das Beste. Mit anderen Worten: Wir nutzen Technologie wie Magie!  Das ist zwar nicht verwunderlich (s. drittes Clarkesches Gesetz) – aber ist es erstrebenswert?

Offenbar ja! Wie sonst kann man erklären, dass

  • der allgemeinbildende Charakter des „computational thinking“ noch immer weitgehend überhaupt nicht erkannt ist und aufgrund dessen
  • der Informatikunterricht immer weniger Raum an den Schulen bekommt und stattdessen als dünnes Surrogat ITG in andere Fächer integriert wird;
  • der Begriff „Algorithmus“ den Menschen entweder unbekannt oder (wie Kathrin Passig schön formuliert hat) „auf dem besten Weg zum Schulhofschimpfwort“ ist
  • dass (um mal auch die potentiellen Leser dieses Blogs ein wenig zu provozieren) selbst die IT-affinen, education 2.0 (oder wie man das nennt) Lehrkräfte sich selten dafür aussprechen, IT an der Schule nicht nur einzusetzen, sondern ihre Funktionsweise zu verstehen, sie womöglich zu „hacken“ und sie sich dadurch zu eigen zu machen – allgemein empowerment statt noch mehr Technikabhängigkeit zu schaffen!

Sie haben zur Bearbeitung der Aufgabe unbegrenzt viel Zeit.  Zusammenarbeit mit dem Nebensitzer ist gestattet und ausdrücklich erwünscht.

Zusatzaufgabe für die Schnellen (Binnendifferenzierung!): Erklären Sie Ihren Schülern, warum sie a) Word-Formatvorlagen verwenden sollten b) in Excel-Formeln möglichst wenige Zahlen vorkommen sollten c) sie RSS-Reader und d) Email-Filter verwenden sollten (nein, nicht nur Spam-Filter! Selbst angelegte, für ihre persönlichen Zwecke eingerichtete Filter) e) Lesen Sie Mindstorms! f) Probieren Sie Scratch aus (gerade wenn Sie kein Informatiklehrer sind!)

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3 Gedanken zu „Das Informationstechnik-Paradoxon

  1. Zu den Zusatzaufgaben: Formatvorlagen, unbedingt! Word, nicht so unbedingt. Excel, auch nicht so unbedingt. Also, nichts gegen die Programme, aber Dateiformate sollten software- und plattformübergreifend sein. Und vor den RSS-Readern müssten die Erklärer erst mal selber welche verwenden. Ich glaube, gerade die Informatiklehrer nehmen diese Möglichkeit eher wenig wahr.
    Zur eigentlichen Aufgabe komme ich hoffentlich in einiger Zeit mal. Algorithmus, das war doch irgendso etwas Gemeines… Google macht das, und Amazon, und die Börse… kann man da nicht ein Gesetz dagegen machen?

    • Product placement: Hast natürlich recht! Hab ich mich etwas schon zu sehr auf die 99% Kollegen ausgerichtet, die ich erlebe und die noch nie was anderes als MS-Office verwendet haben?
      Informatiklehrer benutzen keine RSS-Reader? Das ist interessant! Warum? Lesen die nur Heise-News und gar keine Blogs? Zu RSS kommt bald auch noch ein Artikel – das scheint mir überhaupt fast schon wieder in Vergessenheit zu geraten. Seltsam. Ich könnte nicht ohne.
      Auch das mit den Word-Formatvorlagen war übrigens in einem ähnlichen Sinn gemeint: Ich kenne so unglaublich viele Menschen, die sich durchaus als digital natives verstehen, aber den Sinn von Formatvorlagen nicht sehen.
      Und Algorithmus – das kommt doch aus dem Arabischen, oder? Na, dann ist ja wohl alles klar!

      • Zumindest ist das mein Vorurteil gegenüber Informatiklehrern. Die misstrauen allem, was sie nicht selber programmiert haben (womit Twitter und Feedreader wegfallen), und halten das Blogs für Zeitverschwendung. Ich irre mich bestimmt, so viele Informatiklehrer kenne ich nicht, und vielleicht sind sie da auch nur wenig anders als andere Lehrer. Facebooknutzer gibt es prozentual sicher weniger unter ihnen als unter anderen Lehrern.

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