Gebrauchslyrik

Heute mal was anderes.

Herr Rau schreibt drüben immer so hübsch abwechslungsreich über dieses und jenes. Hier hingegen sieht es aus, als ob sich mein Leben nur um Informatikunterricht drehte. Mitnichten.  Deswegen heute mal was Privates.  („Immer schön persönlich. Sowas wollen die Leute lesen!“ raunt mir der Chefredakteur ins Ohr.)

Das folgende Gedicht ist während eines Elternsprechabends entstanden, als mich keiner sprechen wollte.  (Doch, am beruflichen Gymnasium gibt’s das.)  Das war sehr praktisch, weil meine Frau am nächsten Tag Geburtstag hatte und ich ihr zum Geschenk noch etwas schreiben wollte…

Jedenfalls: Weil das Ergebnis dieses Abends mir selbst recht gut gefällt, drucke ich es einfach mal ab.  Soll keiner sagen, nur die Deutschlehrer dürften was mit Lyrik machen.

Ich habe dass Gedicht leicht abgeändert, um die Anonymität meiner Frau zu wahren.  Was ich (des Reimes wegen) nicht ändern konnte, war die mehrmalige Verwendung eines sehr bescheuerten Kosenamens, der sich aus seiner ursprünglichen ironischen Verwendung leider total gelöst und verselbständigt hat…

 

Anne Geburtstag 2015

Advertisements

LOGO und Lógos

Ich lese gerade Seymour Paperts Klassiker „Mindstorms: Children, Computers, and Powerful Ideas“. Was für ein tolles Buch! Geschrieben 1983 und voller Einsichten, die heute noch genauso wichtig sind wie damals.

Dazu eine Geschichte: Ich kam 1985 aufs Gymnasium.  Am Ende der 5. Klasse fanden an meiner Schule Projekttage statt.  Wahrscheinlich habe ich in meiner Gymnasialzeit noch ein- oder zweimal Projekttage mitgemacht, aber an die kann ich mich nicht mehr erinnern.  An diese ersten hingegen noch sehr gut – denn damals lernte ich LOGO.  Ich hatte schon vorher ein bisschen BASIC programmiert, auf dem Atari 600 XL, den mein Vater uns Kindern ein Jahr vorher geschenkt hatte.1 Aber verstanden, was Programmieren sein kann, habe ich – so denke ich zumindest im Nachhinein – in diesen drei Tagen in den Katakomben unserer Schule in einem Raum ohne Fenster und mit den ungemütlichsten Neonröhren überhaupt.

Wer nicht weiß, was LOGO ist, kann sich den Wikipedia-Eintrag durchlesen, bekommt aber dadurch ungefähr so viel Ahnung von Logo wie derjenige, der Mozarts 40. Sinfonie kennenlernen will und sich deren Wikipedia-Eintrag durchliest.2 Wahrscheinlich wäre es das beste, ein Kind dabei zu beobachten, wie es mit LOGO interagiert.  Vielleicht kann ich aber auch hier ein bisschen von dem vermitteln, was ich damals mit zehn empfunden habe.

In LOGO verbringt man die meiste Zeit damit, eine Schildkröte durch den Sand bzw. über den Bildschirm zu bewegen, die dabei mit ihrem Schwanz Figuren in den Sand zeichnet. Z.B. könnte man der Schildkröte folgende Befehle geben:

forward 100
right 90
forward 100
right 90
forward 100
right 90
forward 100

Die Schildkröte läuft also 100 Schritte, dreht sich dann um 90 Grad, dann wieder 100 Schritte, wieder 90 grad, usw.  Das erste Aha-Erlebnis bekommt das Kind, wenn es lernt, dass man das „usw.“ auch in der Programmiersprache ausdrücken kann:

repeat 4
   forward 100
   right 90
end

Klar: Laufen, Drehen, und das Ganze vier Mal.

Und dann die für mich damals faszinierendste nächste Stufe: Ich kann dem ganzen einen Namen geben, z.B. „Quadrat“.

to quadrat
repeat 4
   forward 100
   right 90
end

Und danach kann ich mein neues Wort „quadrat“ verwenden wie vorher „forward“ und „right“.  Statt 7 Anweisungen wie im ersten Beispiel, oder 4, wie im zweiten, brauche ich ab jetzt nur noch eine einzige, um ein Quadrat zu zeichnen:

quadrat

Nicht nur kann ich nun mit viel weniger Anweisungen das selbe erreichen wie vorher, sondern ich kann auch komplexe Dinge plötzlich viel einfacher ausdrücken. Z.B. das hier:

repeat 72
   quadrat
   right 5
end

Und siehe da, meine Schildkröte malt etwas verblüffend Schönes4:

Wow, ich habe nicht nur aus 72 Quadraten eine interessante Form gezeichnet, sondern ich habe gelernt eine Folge konkreter Handlungsanweisungen zu abstrahieren in ein Konzept, das Konzept des Quadrats, und dieses dann in einem größeren Kontext anzuwenden.

War mir vorher selbst so klar, was dahinter steckt, ein Quadrat zu zeichnen? Natürlich irgendwie, aber sehr implizit: ich konnte es eben.  Man könnte sagen, aus prozeduralem Wissen (etwas tun können) wurde deklaratives (wissen, wie man es tut).  Oder, um mit Papert und Begriffen von Piaget (bei dem Papert gelernt und mit dem er gearbeitet hat) zu sprechen: „The computer can concretize (and personalize) the formal.“

Mein neues Wort, mein Konzept vom Quadrat kann ich überall anwenden – und ich kann es verallgemeinern, indem ich z.B. seine Größe nicht mehr fest einprogrammiere, sondern diese dem Wort „quadrat“ als Zusatzinformation mitgeben kann:

to quadrat :groesse
repeat 4
   forward :groesse
   right 90
end

Diese Zusatzinformation funktioniert fast wie ein Adjektiv: Jetzt kann ich sagen „ein großes Quadrat“ (quadrat 100), „ein kleines Quadrat“ (quadrat 50). Dann vielleicht ein großes oder kleines Dreieck. Schließlich: ein Haus (Quadrat + Dreieck), eine Straße, eine Stadt… Die Sätze und Texte, sprich: die Anweisungen und Programme, die ich formulieren kann, werden komplexer in ihrer Bedeutung, aber in ihrer Form zwischenzeitlich sogar immer wieder einfacher, weil ich, was ich ausdrücken möchte, konzeptualisiere und abstrahiere.  Und so erweitere ich mein Vokabular und meine Ausdruckskraft schrittweise immer weiter.5

Solche Gedanken habe ich als Kind natürlich nicht gehabt.  Aber gefühlt habe ich es und gesehen, dass die Zeichnungen, die meine Schildkröte in den Sand malte, komplexer und schöner wurden, gleichzeitig ihre Beschreibung im Programm irgendwie „höher“, mehr das Wesentliche in den Vordergrund rückend und die Grundbausteine versteckend.  Auch die Idee, dass ich die Sprache, in der ich mich mit dem Computer unterhielt, erweitern und damit ihre (Ausdrucks-)Kraft vergrößern konnte, hatte schon damals eine große Faszination.  Jetzt, wo ich Papert lese, kann ich das alles verstehen.  Aber den Schülern weitergeben möchte ich, wenn irgend möglich, in erster Linie diese intuitive Faszination und erst später das Verständnis.

Irgendwie hat sich ein Leitmotiv in diesen Artikel geschlichen, das der Sprache. Bernstein betrachtet die Musik mit den Mitteln der Sprachwissenschaft, Steele lässt „eine Sprache wachsen“, das LOGO-programmierende Kind bringt dem Computer neue Worte bei.  Und Papert? Hat er, als er damals für seine neue Programmiersprache den Namen LOGO wählte, an Lógos gedacht?  Ich weiß es nicht…

P.S. Da da ein eher assoziativer, wenig argumentativer Artikel geworden ist, stelle ich meine knallharten Forderungen in eine allerletzte Fußnote.7

Viele, viele Fußnoten:

(Ich kann, fürchte ich, auf wordpress.com keine anständigen, verlinkten Fußnoten machen. Oder?)

1 Ansonsten spielten meine Schwester und ich darauf vor allem oft und gerne das einzige Spiel, das wir besaßen, Ms. Pacman.

2 Das war jetzt ein (nicht gerade subtiler) Trick, um mal meine Lieblingssinfonie zu erwähnen.  Und dass ich jetzt an die denke, ist wohl kein Zufall, denn ich verdanke sie indirekt auch meiner Schule: Zum Abi bekam ich, wie alle Mitglieder des Schulchors, von den Musiklehrern ein Buch geschenkt, „Musik, die offene Frage“ von Leonard Bernstein, in dem er Musik, u.a. sehr ausführlich am Beispiel der Sinfonie Nr. 40, mit den Mitteln der Linguistik untersucht. Mein Gott, hat mich das begeistert! Mir war damals nicht klar (oder es spielte in der Zeit vor dem Internet zumindest keine Rolle für mich), dass das Buch auf sechs Vorlesungen basierte, die Bernstein 1973 in Harvard gehalten hatte. Gerade eben habe ich recherchiert: Einen Teil der Ausführungen über die 40. Sinfonie kann man hier sehen! Mensch, das ist ja als Vortrag mit Bernstein live am Flügel noch viel toller!  Und es kommt noch besser: Die gesamte Vorlesungsreihe ist inzwischen bei openculture.com frei verfügbar3. Es ist eine beglückende Vorstellung, dass viele, viele Menschen sich das jetzt anschauen können, z.B. ich.

3 Frei verfügbar my ass! In Deutschland ist sie es nicht, die YouTube-Videos können nicht gespielt werden. Ob das richtig so ist (dann aber doch eigentlich auch für den Rest der Welt gelten sollte) oder nicht, kann ich nicht beurteilen.

4 An dieser Stelle habe ich übrigens geschummelt. Die Grafik ist nicht mit Logo entstanden, sondern mit Scratch.  Über Scratch, mit dem ich in diesem Jahr in der zwölften Klasse (!) die ersten vier Wochen eine Einführung in die strukturierte Programmierung gemacht habe, muss ich mal ausführlich separat schreiben.  Hier nur soviel: Scratch ist ein toller Nachfolger von Logo; ich liebe es; trotzdem ist schon dieses simple LOGO-Beispiel jenseits der Möglichkeiten von Scratch – weil man in Scratch keine neuen Prozeduren/Funktionen definieren kann.  In Scratch konnte ich also nicht einfach „quadrat“ sagen, sondern musste alle Anweisungen in ein längeres und komplizierter aussehendes Programm packen.  Nämlich dieses:Wenn der Mangel, keine eigenen Prozeduren definieren zu können auch für die Schüler offensichtlich und zum Problem wird – dann ist man an dem Punkt, entweder zu BYOB (Build your own blocks) zu wechseln oder zu einer etwas klassischeren Programmiersprache, in meinem Fall Java bzw. Processing.

5 Viele Jahre später habe ich Guy Steeles Vortrag „Growing a Language“ gesehen.  Alle Informatik(lehr)er, die den Vortrag nicht kennen: bitte schaut mal zumindest die ersten zehn Minuten an – der Vortrag hat einen Twist, für den M. Night Shyamalan töten würde. (Zumindest, wenn er Linguist oder Informatiker wäre.)

6 Wer das liest, hat geschummelt!

7 Ja natürlich hat Informatik allgemeinbildenden Charakter. Konzepte entwickeln, Ideen abstrahieren, Sprache einsetzen und kreativ verändern, vom Problemlösen diesmal ganz zu schweigen – was ist das für ein geniales Schulfach, indem man das alles erkundet, sich selbst erschließt? Fächerübergreifende Projekte mit Musik, Kunst, Mutter- und Fremdsprachen, Mathematik, undundund sind möglich. Und noch dazu die wirtschaftliche Relevanz, die selbst alle diejenigen überzeugen müsste, denen grundsätzlich-philosophische Gedanken wie die in diesem Artikel fremd sind… Warum haben wir das nicht längst überall, ab der Unterstufe? Ich versteh’s nicht!

„… allzeit fair und ehrlich sein!“

Wer kann den Titel dieses Eintrags ergänzen? (Tipp: Er muss sich reimen, aber das Versmaß ist etwas holprig.)

Herr Rau bloggt drüben seit Tagen über die Rechner und andere prägende Elemente seiner Jugend…  Vielleicht fiel mir deshalb, als ich heute morgen im Seminar saß, ein Teil meiner Jugend ein, der meine Vorstellung von Schule wahrscheinlich maßgeblich beeinflusst hat: Die Schreckenstein-Bücher von Oliver Hassencamp.  Gemeinschaft, vertrauensvolles Verhältnis zu Lehrern, Selbstverwaltung, Humor und verwegene Aktionen, aber immer bereit, die Verantwortung für alle Konsequenzen offen zu übernehmen… Ach ja…

Zuerst habe ich alle verfügbaren Bände in unser Dorfbibliothek* verschlungen, sie mir dann nach und nach selbst zugelegt, in unterschiedlichsten Ausgaben, dutzende Male gelesen.  Irgendwann bei einem WG-Umzug muss ich sie vergessen oder verloren haben – ich könnte heut noch heulen.

Wie bei vielen „Kult“-Büchern/Filmen/Hör- oder Computerspielen, erschließt sich womöglich nur dem früh Initiierten die wahre Qualität des Werkes 😉  Natürlich kann man als erwachsener Leser an Schreckenstein so manches kritisieren.  Selbst Oliver Hassencamp war das offensichtlich klar, sonst hätte er nicht Band 1 irgendwann mal ziemlich massiv umgearbeitet.  (Durch Zufall habe ich nach Jahren irgendwann die ursprüngliche Version entdeckt und dabei manches über das gelernt, was man heute retconning nennen würde.) Aber, was man als Kind geliebt hat, kann man als Erwachsener nicht nach solchen Kriterien beurteilen, oder?

Wer weiß denn überhaupt, wovon ich hier eigentlich spreche? Bitte mal in den Kommentaren die Hand heben.  Für alle anderen ist der Zug wohl sowieso abgefahren. Tja, Tante geküsst!

*Auf diese wunderbare Bibliothek muss ich mal irgendwann ein Loblied singen. Ich wäre ein anderer Mensch, wenn sie nicht genau im richtigen Augenblick (als ich gerade sechs wurde) eröffnet worden wäre.