Denken lernen durch Informatik, oder: Die Maulwurfswette

[Vorbemerkung: Ich hatte versprochen, einen Blog-Artikel darüber zu schreiben, warum es mir so wichtig ist, dass alle Schüler Informatikunterricht erhalten, warum ich also für ein #PflichtfachInformatik eintrete.  Aber wie es so geht: The tale grew in the telling… Was ihr vor euch habt, ist deshalb nur der erste Teil einer mehrteiligen Serie.  Gut daran ist, dass die Sache dadurch etwas interaktiver werden kann – schließlich ist das hier das Internet!  Wenn ihr also — was mich sehr freuen würde — hier kommentiert, wird dieses Feedback in die zukünftigen Teile einfließen.  Aber zuerst bin ich dran.  Also: Vorhang auf!]


 

Eine Reihenhaussiedlung.  Charlie klingelt bei Ada, einer Informatiklehrerin.  Sie öffnet.

Charlie: Ah, Ada, schön, dass ich dich zuhause antreffe.  Du hast du doch sicher einen Augenblick Zeit, nicht?

Ada: Hallo, Charlie. Eigentlich wollte ich gerade im Garten etwas Wichtiges erledigen… aber bitte, komm rein.

Charlie: Danke. Ich wollte dir nur erzählen, dass ich jetzt, glaube ich, verstehe, warum du so vehement für Informatikunterricht in der Schule eintrittst:  Die Feiertage mit meinen Nichten und Neffen… grausam…

Ada: So, du verstehst mich… Na, ich fürchte, ein Augenblick wird für unser Gespräch nicht ausreichen.  (Nimmt eine riesige Pfeffermühle aus dem Regal.) Aber komm doch einfach mit in den Garten; wir können uns dort unterhalten, während ich den Rasen maulwurfsicher mache.

Charlie: Wie? Mit der Pfeffermühle? Na, egal.  Meine Nichten jedenfalls… Also die Jugendlichen von heute schauen von ihren Smartphones ja gar nicht mehr hoch.  Total kommunikationsunfähig, nur noch körperlich anwesend, ansonsten in der Matrix.  Früher, als man mit den Dingern nur telefonieren konnte, ging’s ja noch.  Aber inzwischen sind das ja richtige Computer.  Und ich seh’s jetzt ein: Jemand muss den Kids beibringen, wie man die Dinger sinnvoll verwendet.   Also Ja zum Pflichtfach Informatik!

Sie betreten den Garten.

Ada: Charlie, du hast recht und liegst doch ganz falsch. Medienbildung, wie du sie dir vorstellst, ist natürlich wichtig.  Aber mir geht es um etwas noch Grundsätzlicheres.

Charlie: Du meinst, die Schüler müssen erstmal lernen, wie so ein Computer aufgebaut ist?

Ada: Nein, nein, das meine ich überhaupt nicht! Du weißt schon, dass es in der Informatik nicht um Computer geht?

Charlie: Nicht?

Ada: Nein! Der Computer ist nur das Werkzeug.  Zugegeben, ein komplexes, extrem vielseitiges Werkzeug.  Aber entscheidend ist, was der Mensch vor dem Computer denkt und wie er denkt.

Charlie: Ach, jetzt fängst du gleich mit solchen Haarspaltereien an.  Es läuft doch auf jeden Fall darauf heraus, dass man vor der Kiste hängt.

Ada: Also, erstens verbringen Informatiker, egal ob in der Industrie oder der Wissenschaft, viel weniger Zeit allein vor dem Computer, als du glaubst — aber dazu später mehr.  Zweitens wird das beim Schulfach Informatik ganz genauso sein.  Und drittens: Du bist doch Musik-Experte, nicht?

Charlie: Ich liebe Musik! Von Bach bis zu den Beatles, von Metallica bis Mozart, von van Beethoven bis Van Halen, von…

Ada: (unterbricht) …ist gut, ist gut, ich hab’s kapiert: Musik ist dein Ding.  Musik, die Kunst des Instrumentenbaus, die Wissenschaft von den Stereoanlagen und Hifi-Türmen,  die Lehre von den Plattenlabels und…

Charlie: Was redest du da? Das ist doch alles nicht das, was Musik ausma… Oh. Verstehe.

Ada: Ein berühmter Informatiker soll mal gesagt haben: „In der Informatik geht es genauso wenig um Computer wie in der Astronomie um Teleskope.“  Ein kluger Satz…

Charlie: …und weniger als 140 Zeichen lang!

Ada:  Oder in einer Variante speziell für dich: „Der Computer spielt für den Informatiker die gleiche Rolle wie für einen Komponisten das Orchester.“  Natürlich ist das Orchester wichtig, damit die Musik hörbar wird.  Entscheidend aber sind für den Komponisten sein Denken in musikalischen Strukturen und seine Kreativität.  Genauso ist es in der Informatik.

Charlie: Na wenigstens in Bezug auf Musik scheinen wir uns ja einig zu sein.  Aber du willst  doch nicht ernsthaft etwas so nüchtern-technisches wie Informatik mit Kunst vergleichen, oder?

Ada: „Nüchtern-technisch“ – wenn ich das nur höre, werde ich schon sauer.  Genau dieses Bild von der Informatik ist ja der Anfang des ganzen Übels.  Kein Wunder, dass die meisten Schüler und v.a. die Schülerinnen schon vergrault sind, bevor sie überhaupt eine Chance hatten zu erfahren, was Informatik wirklich ist.

Charlie: Aber was ist sie denn nun wirklich? Und vor allem: Wenn sich Informatik weder mit Smartphones noch mit Computern beschäftigt, die ja nun wirklich für den Alltag eine große Rolle spielen – dann klingt mir das nicht nach einem Fach, das alle Schüler haben müssten.  Würde es nicht ausreichen, wenn diejenigen Informatikunterricht wählen, die mal Programmierer oder sowas werden wollen?  (murmelt) Die Nerds eben?

Ada: Ja, das ist die entscheidende Frage. Meine Antwort darauf: Nein, das reicht nicht, aus vielen Gründen nicht.  Der für mich wichtigste ist, etwas verkürzt gesagt: Informatik kennenlernen, heißt Denken lernen!

Charlie: Oha, steile These!  Die musst du aber erstmal begründen!

Ada: Ich will dir das gerne erklären. Aber jetzt… (nimmt die Pfeffermühle und beginnt auf dem Rasen zu mahlen) …muss ich erstmal, etwas gegen die Maulwürfe unternehmen.

Charlie: Wee Tee Eff?

Ada: Ich habe ein Verfahren entwickelt, um Maulwürfe zu vertreiben.  Du weißt ja, ein paar Straßen weiter sehen manche Gärten bereits aus wie frisch umgepflügt.  Aber ich bin mir sicher, dass man sie fernhalten kann, wenn man den Rasen mit einer ordentlichen Dosis Pfeffer bestäubt.

Charlie: Das meinst du jetzt nicht ernst, oder? Einen größeren Quatsch hab ich ja noch nie gehört! (Murmelt) Ich weiß, wer hier erstmal „Denken lernen“ sollte…

Ada: Wir können ja wetten.

Charlie: Mit Vergnügen.  Wie genau hast du dir das vorgestellt?

Ada: Indem du versucht, meine Theorie zu widerlegen.  Praktischerweise habe ich gestern schon eine Nachbarschaftsversammlung einberufen, um meine Idee den Besitzern der umliegenden Gärten, Anna, Bobo, Coco und Didi vorzustellen…

Charlie: Deine Nachbarn heißen Anna, Bobo, Coco und Didi?

Ada: Ja. Wieso?

Charlie: Die Namen kommen mir irgendwie seltsam vor.

Ada: Weiß nicht, was du meinst.  Na jedenfalls habe ich mein Konzept präsentiert und die anderen wollten drüber nachdenken, ob sie es mal ausprobieren.  Naja, bis auf Didi: Er hat gleich gesagt, dass er die Idee für Schwachsinn hält.

Charlie: Ist mir nicht unsympathisch, der Herr.

Ada: Anna hingegen war gleich Feuer und Flamme, hat sich sofort meine Mühle mit Peugot-Mahlwerk geborgt und ihren Garten ordentlich eingepfeffert

Charlie:  Was ist mit den anderen beiden, Bobo und Coco?

Ada: Mit denen habe ich seitdem noch nicht wieder gesprochen. Aber ihre Gärten grenzen direkt an meinen an.  Schauen wir doch einfach mal über die Zäune. Oh je, Bobos Garten sieht übel aus.  Da war aber mehr als ein Maulwurf am Werk…

Charlie: Dann ist das auf der anderen Seite der Garten von Coco? Der ist aber gepflegt! Finde ich fast schon steril.  Jedenfalls waren hier keine Maulwürfe!

Ada: Jetzt aber zurück zu unserer Wette. Ich schlage vor, wir machen es so: Du sagst mir, welche meiner Nachbarn wir auf jeden Fall besuchen und befragen müssen, um eventuelle Verstöße gegen meine Theorie festzustellen.  Wenn du den oder die richtigen nennst, hast du gewonnen, sonst ich. Einverstanden?

Charlie: Kein Problem. Wir gehen einfach zu allen.  Oder nee, muss ja gar nicht sein, es reicht ja eigentlich wenn wir nur zu… beziehungsweise vielleicht… Äh, warte mal kurz…

Ada: No pressure. Denk ruhig in Ruhe nach.

Charlie: Irgendwie hab ich den Verdacht, hier geht es gar nicht mehr um Maulwürfe und Pfeffer… Die Geschichte dient in Wirklichkeit dazu, mir irgendwas zu demonstrieren, oder?

Ada: Ich? Glaubst du etwa, ich habe die Maulwurfshügel selbst aufgeschüttet?

Charlie: (verlegen) Das nicht gerade… aber das alles hier… deine Nachbarn mit den komischen Namen… das hat sowas Unwirkliches.  Ich bin ganz durcheinander.  Ich glaube, ich möchte, bevor wir losgehen, erst nochmal alle Informationen in einem Diagramm festhalten.

Ada: Eine hervorragende Idee! Auch in der Informatik ist die Wahl der passenden Repräsentation für ein Problem oft schon der halbe Weg zu seiner Lösung.

Das folgende Diagramm entsteht:

maulwuerfe

Charlie: Ah, das hilft mir wirklich. Ich glaube, ich weiß jetzt, wen wir befragen müssen, um deine Theorie zu überprüfen.

Ada: Prima, aber bitte nur diejenigen, deren Aussage uns wirklich weiterhilft, sonst ziehen sie uns gleich wieder in ausschweifende Diskussionen über Mathematikunterricht oder Bürgerrechte im Digitalzeitalter hinein.

Charlie: Schon klar, wir befragen so viele Nachbarn, wie nötig, aber so wenige, wie möglich.

Ada: Nicht, dass du mich falsch verstehst: Meine Nachbarn sind alle total nett.  Leider sind sie auch alle Lehrer — d.h. immer auf Sendung.  Da kommt man so schnell nicht vom Zaun weg. Eigentlich würde ich sie dir auch gerne mal vorstellen; die haben nämlich auch alle was zum Schulfach Informatik zu sagen.  Ich weiß, was mir machen: Ich lade euch alle hier im Garten zum Kaffee ein. Und wer die Wette verliert, muss den Kuchen spendieren.

Charlie: Einverstanden. Komm mit, wir müssen hier entlang…

Ada: Unterwegs kann ich dir ja von meinem großen Idol Seymour Papert erzählen.  Die informatische Denkweise, die ich meinen Schülern beibringen will, hat er mal  als „die Essenz intellektueller Aktivität“ bezeichnet.

Charlie: Klingt ja gut, aber vorerst bleibe ich skeptisch.  Versuch ruhig weiter, mich vom Sinn des Informatikunterrichts zu überzeugen.  Das könnte vielleicht sogar klappen — deine Maulwurfstheorie hingegen werde ich schon an der nächsten Gartenpforte falsifizieren!

Ada: Ah, Popper gelesen? Sehr gut. Dann ist dir natürlich klar, dass du die Wette evtl. einfach verlierst, weil die Maulwürfe noch gar nicht da sind.  Auf diese Weise will ich natürlich nicht gewinnen. Deshalb: Wenn du mich zu genau den Nachbarn führst, bei denen du meine Theorie widerlegen könntest, gebe ich mich geschlagen und du gewinnst.
Hübsches Kleid übrigens, das du heute trägst. Neu?

Charlie: Danke! Mein Freund hat es mir zum Geburtstag geschenkt. Wieso fragst du?

Ada: Ach, nur so.

Sie gehen los.


[Fortsetzung folgt. (Aber wahrscheinlich dauert’s ein bisschen; das Kerngeschäft ruft.)  Bis dahin freue ich mich auf Kommentare hier. Zu welchem oder welchen Nachbarn würdet ihr gehen? (Wer den Ursprung dieser Wette kennt, bitte nicht spoilern!]

 

Informatik so unterrichten, wie ich es mir wünsche

(Ich blogge ja nicht mehr. Vive le blog!)

Direkt nach dem Ende des Referendariats hatte ich das große Glück, neben meinem „normalen“ Unterricht als AG-Leiter beim Freiburg-Seminar einsteigen zu können.  Dort können „begabte“ Jugendliche sich intensiv mit Themen aus Mathematik und Naturwissenschaften befassen, freiwillig und ohne Noten, dafür umso begeisterter.

Obwohl das Seminar offiziell nur Mathematik und Naturwissenschaften im Namen trägt, gibt es dort auch Informatik-Kurse.  (Was wären die MINT-Fächer denn ohne Vokal?) Und gerade die Informatik-AGs sind besonders begehrt; wir könnten, gerade für neugierige Anfänger, locker noch ein oder zwei Kurse mehr anbieten, wenn wir dürften.  Dieser Run auf die Informatik ist auch überhaupt kein Wunder — es ist ja nicht so, dass junge Leute nicht neugierig wären auf diese Wissenschaft, diese Technologie, die unser Welt in den letzten Jahrzehnten komplett verwandelt haben.  Nein, die Schüler spüren und wissen, dass Informatik wichtig und spannend ist — nur die baden-württembergische Bildungspolitik gibt ihnen kaum eine reguläre schulische Möglichkeit dazu, sich damit auseinanderzusetzen.

(Es besteht im Augenblick die leise Hoffnung, dass sich daran demnächst doch noch etwas ändert. Aber color me skeptical.)

Jedenfalls ist es für mich eine große Freude, diese jungen Leute, die durch irgendwelche glücklichen Zufälle den Weg zur Informatik gefunden haben, zu unterrichten. In meinem ersten Jahr (2013/14) war das Kursthema noch vom Vorgänger vorgegeben, also haben wir uns mit objektorientierter Programmierung beschäftigt, aber zum Glück ohne die Zwänge eines Lehrplans.  „Programmieren kreativ“ nannte ich den Kurs und es entstanden tolle Spiele und andere Anwendungen dabei.  Am Schluss sprachen wir ein wenig über KI, mein altes Forschungsgebiet, und es wurde beschlossen, das im darauffolgenden Jahr mal genauer anzuschauen…

Was dabei 2014/15 herauskam, könnt ihr in meinem Abschlussbericht nachlesen (vollständiger Text als PDF bei Klick aufs Bild):

Teaser

Ich glaube, dass ich in den letzten beiden Jahren riesengroßes Glück mit meinen Teilnehmern hatte (s. z.B. der letzte Absatz des Berichts).  Da der Kurs in dieser Form wegen des Abgangs der Abiturienten sowieso nicht mehr weiterbestehen wird, habe ich darum gebeten, dieses Jahr eine AG für die Unter- und Mittelstufe anbieten zu dürfen, „Informatik für Programmieranfänger“.

Warum dieser scheinbare Schritt zurück im Anspruchsniveau?

Ich gebe es offen zu: Ich will nicht nur die nerdigen Jungs, die über’s Minecraft-Modden oder die PHP- und JavaScript-Programmierung ihrer eigenen Webseite zur Informatik gekommen sind.  Ich will auch die anderen hellen Köpfe, die sonst immer in der Mathe-AG landen.  Ich will die Musischen, die den Computer als Medium für Kreativität entdeckt haben.  Ich will denen, die einfach Spaß am Knobeln und Problemlösen haben, den Computer als Medium fürs Denken schmackhaft machen.  Insbesondere und ganz explizit will ich versuchen,  Mädchen für das Fach zu begeistern.  Dafür gibt es tausend Gründe, die ich jetzt nicht aufzählen kann und will (ich hab ja keine Zeit mehr fürs Bloggen).

Jedenfalls kann ich mich nicht zurücklehnen und darauf hoffen, dass diese Gruppen sich in der Oberstufe plötzlich in meinen Kurs verirren — die muss man vorher abgreifen und auf den Geschmack bringen!

Deshalb ein Anfängerkurs. Mit Snap! und später vielleicht Python.  (Von mir aus könnte es auch das ganze Jahr Snap! bleiben. Dem Niveau sind in Snap! ja keine Grenzen gesetzt. Mal sehen, wie die Stimmung so ist.)  Bisher läuft es großartig — genau wie in meinen anderen, „etwas weniger begabten“ Klassen, bei denen ich am Anfang des Schuljahres auch immer mit Snap! starte:  Hohe Motivation, viel Spaß, verschachtelte Schleifen innerhalb der ersten 30 Minuten, das erste Spiel innerhalb einer Doppelstunde.  Frust kommt immer erst auf, wenn wir zu Java wechseln müssen.

Bin gespannt, was ich alles machen kann mit meinen schlauen 12-14-Jährigen… Ich freue mich total darauf!

Warum ich nicht mehr blogge

[Edit: Ich habe diesen Artikel gerade in den Aufruf zu einer Blogparade umgewidmet.  Thema: „Wie organisieren Lehrer, v.a. mit Familie, ihre Zeit?“  Die Fragen, die ich mir ständig stelle, gebe ich nun an euch weiter.  Ihr findet sie ganz am Ende dieses Beitrags. Auf Reaktionen freue ich mich!]

Wer sagt, er habe für etwas keine Zeit mehr, meint natürlich immer „Ich setze meine Prioritäten jetzt anders“.  So ist es natürlich auch bei mir — auch wenn es mir leid tut, dass ich mich in den letzten zwei Jahren so komplett aus meinem kleinen, aber umso feineren Internetbekanntenkreis zurückgezogen habe.

Tatsache ist, dass — überraschenderweise! — das dritte Kind genauso viel Zeit und Zuwendung braucht wie das erste und das zweite.  Und obwohl alle drei immer größer und selbständiger werden, heißt das nicht, dass sie mich weniger brauchen.  Eher sogar noch mehr, denn inzwischen arbeitet auch meine Frau wieder.  Erster Grund fürs Nichtbloggen also: Familie sticht alles!

Zweiter Grund: Obwohl ich mich inzwischen durchaus schon als erfahrener Lehrer fühle, bin ich doch noch weit entfernt von Routine und „ich ziehe meinen Unterricht fertig aus der Schublade“ — zum Glück! Außerdem suche ich mir leider so furchtbar gerne immer noch neue Herausforderungen und habe deshalb inzwischen einige schulische Neben- und Zusatzengagements.  (Über die ich eigentlich furchtbar gerne auch mal bloggen würde…)

Beide Gründe zusammen bedeuten: Der Lehrerberuf macht mir sehr große Freude, aber er nimmt fast die gesamte Zeit ein, die ich neben der Familie habe.  Um das zu verdeutlichen, versuche ich mal, den gestrigen Tag möglichst genau zu dokumentieren.

6:30 Uhr: A. und ich stehen auf.  Noch etwas früher wäre zur Stressvermeidung wahrscheinlich besser, aber 6:30 Uhr ist verdammt früh, wenn man es mal wieder nicht vor Mitternacht ins Bett geschafft hat. Außerdem habe ich am Abend vorher die Kinder ins Bett gebracht (A. hatte Elternabend an ihrer Schule) und natürlich vergessen, schon ihre Kleider für den nächsten Tag herauszulegen.  Das wird uns jetzt wertvolle Minuten kosten.

6:45 Uhr: Der Mittlere ist Frühaufsteher, was am Wochenende oft unerwünscht, heute aber sehr praktisch ist: Ich mache ihm einen Kakao, A. bringt seine Kleider und er zieht sich selbständig an.  Super — das läuft nicht immer so reibungslos.  Die Große wird sanft geweckt, kriegt aber kaum die Augen auf und erst recht nicht die Füße aus dem Bett. Dass das mit neun schon so schwierig würde, hätte ich nicht gedacht.  Allerdings liest sie jetzt abends auch manchmal heimlich; vielleicht liegt’s daran.  (Ich schimpfe dann pro forma ein wenig, freue mich aber insgeheim.)  Die Kleine ist jetzt auch wach, tapst fröhlich ins Bad — zum Glück sind wir alle keine Morgenmuffel — und möchte den Grüffelo vorgelesen bekommen.  Als A. und ich versuchen, ihr klarzumachen, dass das heute nicht geht, weil wir alle fünf ganz früh aus dem Haus müssen, ist die gute Laune mit einem Schlag dahin.

7:00 Uhr: Irgendwie haben es doch alle an den Esstisch geschafft, manche mehr (der Mittlere, A.), manche weniger angezogen (die Kleine, die Große, ich).  A. hat sogar geduscht.  Gegessen wird wenig, aber ein Pausenbrot für die Große geschmiert, die Logistik für den Tag nochmal durchgesprochen (Wer holt mittags wann wen wo ab? Wer kocht? Wer hat am Nachmittag was vor und wie kommt er dorthin und wieder zurück?)  Und es wird viel gelacht und gesungen.  Das ist schön, morgens um sieben, und eigentlich möchte keiner gehen.

7:15 Uhr: A.s Schule liegt in unserer Stadt, meine etwas 20km entfernt.  Der Kindergarten (inkl. Kleinkindgruppe) öffnet um 7:30 Uhr.  Wenn A. die beiden Kleinen Punkt 7:30 Uhr dort abliefert, schafft sie es mit dem Rad gerade noch zur 1. Stunde um 7:50 Uhr.  Bei mir ist das nicht drin.  Resultat: Ich fahre mit dem Auto nach W. — und genieße jede Minute: Mein Lieblingsradiosender Deutschlandradio Kultur, absolute Entspannung 20 Minuten lang.  Es stimmt, eigentlich will ich aus Umwelt- und anderen Gründen mehr mit der Bahn fahren.  Aber dann müsste ich um 6:30 Uhr das Haus verlassen und würde die Kinder gar nicht mehr sehen am Morgen.

7:50 Uhr: Der Unterricht beginnt. Heute habe ich nur vier Stunden. Ich habe mein Deputat auf 20 Stunden reduziert, als A. wieder angefangen hat zu arbeiten.  Großartig, dass das so einfach geht im öffentlichen Dienst.  Dass ich die vier Stunden am Stück habe, ist ungewöhnlich und auch nur alle zwei Wochen so.  (Unser Stundenplaner liebt A- und B-Wochen.  Nächste Woche habe ich erst zu 3. Stunde Unterricht, dann 5./6. Stunde frei und 7./8. wieder Unterricht.  Meine Familie hasst A- und B-Wochen.) Ich habe mein Notebook dabei und setze mich nach der 4. Stunde sofort an meinen Schreibtisch im Lehrerzimmer und arbeite irgendwas. (Keine Ahnung mehr was, wahrscheinlich irgendein Problem mit dem elektronischen Klassenbuch, für das ich zuständig bin.  Der Schuljahresanfang liegt schon einen Monat zurück, aber immer noch ändern sich laufend irgendwelche Daten.)

12:30 Uhr: Die Tischnachbarin meint: „Mensch, du kannst aber echt gut arbeiten bei dem Lärm hier.“  Ich will eine flapsige Bemerkung machen („Hier habe ich eben mehr Ruhe als daheim“), lasse es aber und schaue auf die Uhr.  Mist, ich muss doch kochen und dann die Kleinen aus dem Kinderhaus holen.  Das wird knapp.

12:35 Uhr: Ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich auf dem Heimweg SWR2 höre: Klassik, relativ wenige Wortbeiträge, gut um den Adrenalinspiegel nach einem Schulvormittag langsam wieder runterzufahren.  Manchmal stelle ich inzwischen das Radio auch ganz ab. Krass. Aber 20 Minuten ganz allein in völliger Stille, nur mit mir und meinen Gedanken (oder, noch besser, ohne): priceless!

12:55 Uhr: Ich komme zuhause an.  Was ich kochen werde, ist klar. Spaghetti mit Tomatensauce.  Doch, doch, ich kann auch anderes.  Aber ich habe ca. 10 Minuten Zeit, bevor ich zum Kindergarten muss.  Reicht genau, um die Sauce zu machen und sie, während ich weg bin, ein bisschen einkochen zu lassen.  Außerdem gab’s Pfannkuchen, Fischstäbchen und „was mit Gemüse“ diese Woche schon.  Wir schreiben seit einiger Zeit am Wochenende eine Liste aller Gerichte, die wir in den nächsten 7-10 Tagen kochen wollen und kaufen entsprechend ein.  Spart Zeit und Geld beim Einkaufen (weil man seltener geht), ist familiendemokratisch und v.a. stehe ich nur ca. 10 Sekunden vor der Liste und weiß dann sofort, was heute zeitlich und mit den vorhanden Vorräten machbar ist.

12:57 Uhr: Beim Aussteigen treffe ich P. und N., nette Nachbarn und gute Freunde. P. bietet an, unsere beiden Kleinen aus dem Kindergarten mitzubringen, wenn er seine Tochter abholt.  Und plötzlich ist das Leben noch schöner und total entspannt!  Ich habe nun alle Zeit der Welt: 25 Minuten dauert das mindestens bis die da sind, und auch die Große kommt selten vor 13:20 Uhr aus der Schule.  Da kann ich ja, wenn ich mich beeile, wenn die Soße fertig ist und die Spaghetti im Topf sind, vielleicht sogar noch ein bisschen in meinem RSS-Feed lesen… au fein!

13:20 Uhr: Wir sind zu viert. Das Essen ist fertig, aber den Tisch können ruhig die beiden Großen decken (wg. RSS-Feed usw.)!  Machen sie sogar recht anstandslos.  Die Stimmung ist gut.  A.s Wunsch und Regel, dass am Tisch nicht gesungen werden soll, lässt sich in ihrer Abwesenheit vom Vater nicht durchsetzen.  (Schön passiv, so ein Satz im Passiv, nicht?)

13:45 Uhr:  Gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, dass die Große um 14 Uhr Flötenstunde hat.  Weil wir keine Helikopter-Eltern sind, hat sie erst gestern abend das erste Mal ein bisschen geübt. Wir setzen uns ans Klavier, sie flötet, ich begleite. Schön klingt das und macht uns beiden Spaß.  Wäre eigentlich toll, wenn sie mehr spielen würde, oder? Ja schon…

13:58 Uhr: Mit dem Roller schafft sie das gerade noch rechtzeitig zur Flötenstunde.

14:05 Uhr: A. kommt. Meine Körperspannung sinkt sofort merklich: Die Frau ist im Haus! Ich trage nur noch maximal die halbe Verantwortung. Noch bevor sie richtig da ist, räumen wir schon die Küche auf.  (In einer Trauansprache hörten wir einmal einen Text, der vom „Liebesspülen“ handelte. Das hat sich uns beiden tief eingeprägt.)

14:45 Uhr: Ich lese den beiden Kleinen vor. A. räumt weiter auf.  (Es gibt immer noch mehr aufzuräumen. Naturgesetz.)  Beim Lesen schläft die Kleine auf meinem Schoß ein. Ha — das bedeutet, sie hatte heute morgen in der Kita doch noch nicht geschlafen. Ich trage sie vorsichtig in ihr Zimmer…

15:10 Uhr: Die Kleine liegt im Bett. Wenn wir Glück haben… und tatsächlich: Kurz darauf sieht der Mittlere durchs Fenster einen Freund und will raus.  Vorlesen kann ich ihm ja später wieder.  Plötzlich sind A. und ich allein — nicht zu glauben!  Wir machen uns einen Kaffee, erzählen uns kurz von unseren Vormittagen und hasten dann an unsere Schreibtische.

16:00 Uhr: Der Mittlere ist wieder da.  Mist, ich habe die letzte Dreiviertelstunde nicht so effektiv genutzt wie A.   Ich bin immer noch so häufig mit Grundsätzlichem beschäftigt, statt konkret vorzubereiten. Heute bin ich mal wieder bei Mark Guzdial gelandet, der vorschlägt, als Informatiklehrer sollten wir mit den Schülern am Anfang zuerst viel mehr Code lesen als schreiben.  Und dabei fällt mir unsere Prüfung im vergangenen Juni ein: Mit einem Kollegen hatte ich eine Prüfungsaufgabe gestellt, in deren erstem Teil die Schüler nur die Bedeutung bestimmter Zeilen in einem bereits fertigen Programm erklären sollten — und das zu einem großen Teil nicht ansatzweise konnten.  Nun war das eine eher schwache Schülergruppe und wir waren zwar enttäuscht, aber auch nicht besonders überrascht.  Erst heute, nach Mark Guzdials Artikel, sehe ich endlich den Elefanten im Raum: Wie sollen sie schreiben, ohne lesen zu können?   Wieso zeige und bespreche ich beim Programmieren so selten eine Musterlösung? Und wenn, warum immer erst hinterher? Ich bin doch sonst so ein großer Freund des Lernens aus „worked examples“. Warum also hänge ich beim Programmieren so am entdeckenlassenden Lernen?   Glaube ich wirklich, dass die Schüler in einer Doppelstunde pro Wochen selbst herausfinden können, wie ein korrektes Programm aussieht (oder ein gutes oder gar ein ästhetisch befriedigendes)?

Antwort: Weil ich das Programmieren so gelernt habe.  Weil ich es geliebt habe und immer noch liebe, am Computer Dinge auszuprobieren, mich von Fehler zu Fehler zu hangeln, mit jedem Refactoring ein einfacheres, abstrakteres, universelleres, schöneres Gebilde zu erzeugen.  Aber es ist natürlich kompletter Quatsch, meine persönliche Faszination auf diese Jungs zu projizieren..  Außerdem hab ich doch auch selbst viel aus den Programmen von anderen gelernt.  Na, jedenfalls gut, dass ich noch gar nicht richtig angefangen hatte, die Stunde für morgen zu planen; die wird jetzt sowieso umgeschmissen: Morgen wird nicht programmiert, sondern die bekommen ein fertiges Greenfoot-Spiel und wir lesen das einfach!  Und gleich nächste Idee: Objektorientierte Programme könnte man doch sogar super mit verteilten Rollen lesen, oder?  Ja, das könnte ich doch so…

16:20 Uhr: Oh. A. hat mich anscheinend schon mehrfach angesprochen.  Der Mittlere sitze jetzt schon seit 20 Minuten bei ihr und sie könne nicht arbeiten.  Außerdem sei es jetzt sowieso Zeit, die Kleine zu wecken.  Stimmt, ich gehe heute mit ihr ins Kinderturnen von 17-18 Uhr.  Also wecken, ihre Kleider zusammensuchen und ihr anziehen (zum Glück ist sie trotz des Weckens schon wieder gut gelaunt aufgewacht — also heute läuft’s wirklich!)

16:30 Uhr: Wir müssen zwar erst in einer halben Stunde dort sein, aber die Vorlaufzeit brauchen wir: Turnschläppchen suchen, Proviant einpacken, Kind zum ersten Mal in diesem Herbst in den dicken Ganzkörperwollanzug einpacken usw.  Was total praktisch ist: Der Mittlere hat zeitgleich ganz in der Nähe Fußball (G-Jugend!). Zwei Fahrten mit einer Klappe also. Die Kleine und ich bringen ihn also erst dort vorbei und düsen dann weiter zum Turnen.

17:00 Uhr: Schön, dass es mir gelingt, mich heute ganz auf das Eltern-Kind-Turnen einzulassen, ohne zwischendrin an die to-do-Liste zu denken.  Klappt nicht immer.

18:00 Uhr: „Eins, zwei, drei, das Turnen ist vorbei. Vier, fünf, sechs, sieben, auf Wiedersehn ihr Lieben.“  Die Kleine isst zwei Kekse, während ich ihr in den warmen Anzug helfe.  Schnell weiter zum Fußballplatz; die Trainer sind auch alle Familienväter und wollen heim.  (Ein hundertfaches Hoch auf alle, die sich noch in Sportvereinen, Kirchengemeinden oder sonstwo engagieren!)  Der Mittlere ist erhitzt, aber glücklich.  Wir kaufen noch Brot — ist seit vorgestern abend aus, aber bisher hatte es noch keiner zum Bäcker geschafft.

18:30 Uhr: Abendessen.  A. hatte — natürlich — während wir weg waren, auch Brot gekauft. Umso besser, wird eingefroren.  Alle sind zufrieden, es war ein schöner Tag.

19:00 Uhr: „Bettfertig machen“, das ist so etwas, für das ich früher weder einen Begriff noch eine Konzeptualisierung hatte. (Sapir und Whorf wären begeistert.) Irgendwann am Abend ging man halt ins Bett (Zähne putzen nicht vergessen).

Heute aber weiß ich, was „bettfertig machen“ ist, nämlich: Durch Bitten, Drohen oder Bestechung bringt man die Kinder dazu sich zuerst aus- und (idealerweise zeitnah) die Schlafanzüge anzuziehen. Dann Zähneputzen – mittlerweile läuft das glücklicherweise ganz gut (der Mittlere hat jahrelang massiven passiven Widerstand geleistet). Dann Vorlesen und/oder Gutenachtgeschichten.  (Als die beiden Großen noch klein waren, hab ich mir jeden Abend eine neue Geschichte für sie ausgedacht! Geht nicht mehr, leider. Ich bin auserzählt.)  Zum Schluss ab in die Betten und Schlaflieder singen.  Für drei Kinder reichen zwei Erwachsene da gerade so.  Und unter einer Stunde ist das ganze Programm kaum zu schaffen.  Natürlich: Wenn es unbedingt schneller gehen muss, geht es auch schneller.  Aber zufrieden sind dann alle nicht.

20:15 Uhr: Die Tagesschau natürlich wieder verpasst. Ist aber besser so, denn vor dem Fernseher würde der Körper sofort runterfahren.  Was nicht passieren darf, denn der ganze nächste Schultag muss ja noch vorbereitet werden.  Leider ist das meinem Körper egal. Sobald ich nur noch für mich selbst verantwortlich bin, schaltet er auf Standby, auch ohne Tagesschau. Egal, los geht’s: Morgen Mathe Oberstufe. Das unterrichte ich zum ersten Mal.  Funktionenscharen und abschnittsweise definierte Funktionen mit dem CAS-Rechner, den ich selbst noch gar nicht richtig bedienen kann.  Naja, ist ja noch früh am Abend…

23:00 Uhr: Ich bin eigentlich soweit fertig, aber zu müde um ins Bett zu gehen.  Außerdem hab ich doch heute mittag (s. 12:57 Uhr) in einem meiner Feeds wieder so was Interessantes gelesen.  Jetzt nach getaner Arbeit, werde ich ja wohl mal…

00:30 Uhr: Mistmistmistmistmistmistmistmistmistmistmistmistmistmistmistmistmist

Nachbemerkung: Gestern war ein guter und schöner Tag, an dem die Work-Life-Balance gestimmt hat!  Das möchte ich ausdrücklich betonen.  Es war eben nur mal wieder ein Tag, an dem absolut keine Zeit für irgendwas anderes war, z.B. Bloggen. Oder andere als organisatorische Gespräche mit A. Oder gar mit Freunden. Oder Sport. Oder Kino.

Es war auch ein Tag — das werden die Lehrerhasser sicher sofort errechnet haben — an dem ich gar nicht so viel gearbeitet habe, sondern ziemlich viel Zeit mit meinen Kindern verbracht habe.  Vormittags recht und nachmittags frei eben.  Sagen wir: von 7:45 Uhr – 12:30 Uhr, von 15:20 Uhr – 16:20 Uhr (das muss zählen!) und von 20:15 Uhr – 23:00 Uhr. Macht 8,5 Stunden.  Ach, eigentlich doch gar nicht so wenig, für eine 80-Prozent-Stelle.  (Aber die Ferien, diese ganzen Ferien! –Ja, stimmt! Ich wollte ja auch gar nicht streiten.) Ich hätte selbst gedacht, dass es weniger war.  V. a. im Vergleich zu den Tagen, an denen A. mir den Rücken freihält, damit ich Zeit habe, gründlich zu planen oder eine Klassenarbeit zu korrigieren oder Klassenlehrersachen zu organisieren oder einfach nur Nachmittagsunterricht habe (ca. 2-3mal pro Woche, je nach… grrr… A- oder B-Woche).  Deswegen sage ich ja, gestern war wirklich ein schöner Tag mit guter Work-Life-Balance.

Was ich eigentlich mit diesem Artikel sagen wollte:  Doch, ich möchte gerne wieder ab und zu bloggen.  Regelmäßig wird’s wohl nicht werden.  Aber ab und zu… ich probier’s!

Noch eine Nachbemerkung: Wir haben das Glück, inzwischen eine Zwei-Lehrer-Familie zu sein. Wie Eltern mit anderen Berufen diese ganze Kinderlogistik auf die Reihe bekommen, ist mir ein Rätsel.

Frage an euch mitlesende LehrerInnen (mit und ohne Familie): Wie macht ihr das? Wie kriegt ihr das hin mit der ersten Stunde und/oder dem Nachmittagsunterricht? Wann kommt ihr abends vom Schreibtisch weg? Gibt es (was ich hoffe!) einen geheimen Trick, mit dem das alles plötzlich ganz easy wird?

Antworten — hier in den Kommentaren oder in einem eigenen Artikel bei euch im Blog — würden mich wirklich interessieren.  Passt auf: Ich erkläre das einfach mal zur Blogparade!  (Keine Ahnung, ob das überhaupt jemand bemerkt.) Schreibt doch auch mal eine typische Tages-Timeline auf, wo’s dabei knirscht und wer dabei leidet… oder wieso das für euch gar kein Thema ist.  Tatsächlich ist ja ein gewisses Luxusproblem, dass Nichtlehrer so gar nicht kennen.

…und plötzlich sind Herbstferien!

Wow, gerade eben war doch noch Juli, zumindest hier im Blog. Und auf einmal… Herbstferien. Ohne ein Lebenszeichen von mir bislang im Schuljahr 2013/14. Was ist los? Woran liegt’s?

Ich bin jetzt ein richtiger Lehrer in seinem ersten richtigen Jahr mit richtig viel Unterricht — daran liegt’s wohl.

Was ich gerade erlebe, müssen wohl alle Lehrer am Anfang durchstehen: Jedes Fach, jede Klasse, jede Stunde ist neu.  In den Stoff muss man sich erst einarbeiten*. Aus der Schublade holen kann man auch noch nichts.  Selbst, wenn man sich von den Kollegen Materialien besorgt, muss man diese sichten, überlegen ob und, wenn ja, wie man sie einsetzen könnte.  Oft genug merkt man erst spät, dass etwas vielleicht für den Kollegen passen mag, aber für einen selbst? Irgendwie doch nicht.

Und so steht vor jeder zu haltenden Stunde die Frage: Versuche ich, „nachhaltig“ vorzubereiten – damit ich eben beim nächsten Mal etwas in der Schublade habe, auf dem ich aufbauen kann? Oder improvisiere ich mich irgendwie durch?

Improvisieren kann ich eigentlich ziemlich gut — wenn ich weiß,

  • wovon ich rede,
  • was ich zu tun habe,
  • wer mein Gegenüber ist.

Momentan sind diese Voraussetzungen leider oft noch nicht gegeben. Vor allem der letzte Punkt ist entscheidend: Mir fehlt oft noch die Intuition dafür, was Schüler wissen (bzw. nicht wissen), können (bzw. nicht können), nachvollziehen (bzw. nicht nachvollziehen) können, d.h. letztlich, was sie von mir brauchen und was nicht. Diesen Mangel an Intuition kann ich im Augenblick nur versuchen durch Vorbereitung wenigstens teilweise zu kompensieren: Wenn ich beim Durchdenken einer Stunde, eines Themas, auf die potentiellen Stolpersteine stoße, kann ich noch eine vorbereitende Aufgabe vorschalten, eine erklärendes Beispiel suchen, eine Warnung geben. Entdecke ich die Stolpersteine erst während des Unterrichts, lerne ich einiges (z.B. hoffentlich die Stolpersteine beim nächsten Mal zu vermeiden), aber meine Schüler habe ich überfordert, frustriert und verwirrt.

(Ich rede hier nicht davon, Inhalte weichzuspülen und den Schülern die Herausforderungen zu nehmen. Ich rede einfach davon, ihnen nicht mit konfusem Unterricht unnötige Hürden in den Weg zu legen.  Mathe und Informatik in der Oberstufe — und nur das unterrichte ich im Augenblick — ist für sie anspruchsvoll genug, auch ohne einen Anfänger an der Tafel.)

Damit ich also irgendwann an den Punkt kommen kann, wirklich flexibel zu sein, reagieren und improvisieren zu können, versuche ich jetzt eben so nachhaltig wie möglich arbeiten.Und so verlasse ich den Schreibtisch nur selten vor Mitternacht**. Aber trotz der späten Uhrzeit gehe ich meistens zufrieden ins Bett — und das zeigt mir, dass der Wechsel an die Schule richtig war.

 

* Für uns Seiteneinsteiger gilt das sicher in besonderem Maße. Ich habe mich in den fast 20 Jahren seit meinem eigenen Abi natürlich sehr viel mit Informatik und Mathe beschäftigt, aber eben nicht auf Schulniveau. Das ist bei der Vorbereitung natürlich ein Nachteil. Aber ganz oft bringt es mir auch Glaubwürdigkeitspunkte im Unterricht, wenn ich den Schülern anschaulich machen kann, dass man Ableiten und Integrieren, Vererbung und Polymorphie sehr gut brauchen kann, wenn man mal einen intelligenten Roboter bauen will!

** Das hat aber auch ganz viel damit zu tun, dass ich privat in einer Lebensphase bin, die sich (um es mal vorsichtig zu formulieren) mit einer kompletten beruflichen Neuorientierung nicht so richtig gut verträgt. Drei kleine Kinder im Haus und nur zwei Erwachsene — da kann sich nicht einer von beiden einfach zwischen, sagen wir, 17 Uhr und 20:30 Uhr aus dem Abendprogramm ausklinken. Wenn derjenige aber oft erst um 16 Uhr aus der Schule kommt, muss er wohl oder übel am Abend noch mal an den Schreibtisch.

Snap!

Letzte Vorletzte Woche Vor drei Wochen habe ich in München einen Workshop zur graphischen Programmiersprache Snap! gehalten, beim Tag der Informatiklehrerinnen und Lehrer, organisiert u.a. vom geschätzten Kollegen Herrn Rau.

„In zwei Stunden von der Grundschule ins Informatikstudium“ war das Motto, d.h. es ging mir darum, den Teilnehmern in kurzer Zeit einen Einblick über die das breite Spektrum von Themen zu geben, die man mit Snap! abdecken kann — angefangen mit dem Zeichnen einfacher geometrischer Figuren (à la LOGO und Scratch) bis hin zu Lambda-Ausdrücken und dem Programmieren eigener Kontrollstrukturen*.  indexIch bin v. a. deshalb von Snap! so angetan, weil man auch komplexe Konzepte wie Rekursion oder first-class Funktionen ganz ohne Syntaxbarriere vermitteln kann.

Wer schon einmal mit Scratch gearbeitet hat, weiß, wie sehr das „Zusammenpuzzeln“ von Programmen die Schüler zum schnellen Experimentieren einlädt. Snap! geht in dieser Hinsicht nochmal einen kleinen Schritt weiter, denn um losprogrammieren zu können, muss nun nicht einmal mehr eine Software installiert werden:   Snap! läuft komplett im Browser, d.h. man braucht als Benutzer nichts zu installieren, sondern geht einfach auf http://snap.berkeley.edu/snapsource/snap.html (oder sucht im Web nach „run snap“) und legt los.

Selber loslegen sollten auch die Teilnehmer des Workshops; deswegen habe ich versucht, ihn so interaktiv wie möglich zu gestalten.  Das kann ich in einem Blogartikel so natürlich nicht machen.  Ich habe aber hinterher meine Präsentation so überarbeitet, dass sie — hoffentlich — auch für sich allein einigermaßen lesbar ist.  V.a. enthält sie nun ganz viele Links zu meinen Beispielprogrammen in der Snap!-Cloud. Einfach einen Programmlink anklicken, Programm ausprobieren und dann das Symbol mit den beiden Pfeilen drücken, um den Source-Code anschauen.

Zur Präsentation

Zum Beispiel findet ihr dort diesen hübschen Baum und diese Animation (bitte Maus im Fenster bewegen). Und noch vieles mehr… also viel Spaß bei Lesen und Mitprogrammieren!

In der Nacht vor dem Workshop fiel mir noch ein schönes Beispiel ein… was dazu führte, dass ich mich um 2 Uhr früh in München nochmal an einen fremden Rechner gesetzt und programmiert habe. (Dabei war es natürlich ganz großartig, dass ich weder die Software noch meinen eigenen Code auf dem Laptop oder einem Stick dabeihaben musste.) Was mir da einfiel, war der Quicksort-Algorithmus, das klassische Beispiel für ein Divide-and-Conquer-Verfahren.**

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Wer mag, darf sich als Hausaufgabe gern selbst an der Umsetzung in Snap! oder der Programmiersprache seiner Wahl versuchen.  Eine (erste) Snap!-Lösung findet ihr in der Präsentation.  Ich werde das Quicksort-Beispiel noch sehr ausführlich in einem weiteren Artikel diskutieren, in dem es um die Expressivität von Programmiersprachen für die Schule geht.

Für heute soll’s hiermit aber gut sein! Ich weiß selbst noch überhaupt nicht, ob und wie ich Snap! weiter einsetzen werde.  Vieles daran ist orthogonal zu den Lehrplänen, nach denen ich unterrichten werde, und vielleicht auch manchmal zu dem, was Schüler und spätere Arbeitgeber von Informatikunterricht erwarten.

Was denkt ihr? Wie findet ihr Snap!? Würdet ihr es im Unterricht einsetzen?*** Ich freue mich sehr über (positive wie kritische) Rückmeldungen zu Snap!, dem Workshop und den Materialien.

* Versucht das mal in Java!

** Wir haben das damals noch im Grundkurs Informatik, Klasse 13, nach 2 Jahren Informatikunterricht gelernt. Kommt mir heute durchaus anspruchsvoll vor. Und ist natürlich auch so gar nicht objektorientiert…

*** Das Thema „Snap! und Objektorientierung“ haben wir im Workshop diskutiert. Hier nur ganz kurz: In der aktuellen Version von Snap! kann man durchaus objektorientiert programmieren, es ist aber alles andere als natürlich im Vergleich zu Sprachen, die explizit für OOP entworfen wurden.  Dass es überhaupt geht, ist ein Beweis für die Ausdrucksstärke der Sprache (Zitat aus dem Reference Manual: „Snap! is Scheme disguised as Scratch“).  Ich kann überhaupt die Lektüre dieses Manuals nur empfehlen.  Ihr werdet mit den Ohren schlackern!

Jenes und dieses

Bevor ich hier gar nichts mehr schreibe, schreibe ich lieber wenigstens ganz kurz mal auf, warum ich hier gar nichts mehr schreibe:

1. Dem Baby geht’s gut, danke der Nachfrage. Es benimmt sich so, wie es sich für ein drittes Kind gehört, d.h. es gewöhnt sich schnell an den konstant hohen Gesangs- und sonstigen Lärmpegel hier.  Gerne (v.a. nachts) leistet es auch schon seinen Beitrag dazu.

2. Ich habe korrigiert und korrigiert und korrigiert.  Insb. über 50 Zweitkorrekturen bei Prüfungsarbeiten aus einer über dreistündigen Mathe-Klausur.  Kein Abi, aber Fachhochschulreife. Ich bin nicht sicher, ob Abi noch mehr Aufwand ist — ich werde es in den nächsten Jahren sicher herausfinden.  Ich habe ungefähr 30 Zeitstunden in diese Zweitkorrekturen investiert.  Wie lange ich für die Erstkorrektur gebraucht hätte, mag mir gar nicht ausmalen.
Dafür weiß ich jetzt recht gut, wohin ich meine Schüler im nächsten Schuljahr bringen muss. Auf in den Kampf, Torero!

3. Wir Referendare haben, seit unsere Lehrproben und Prüfungen rum sind, an der Schule relativ viel Ruhe.  Deshalb sind wir die natürlichen Kandidaten für Abi-Aufsichten und das Führen des Protokolls bei mündlichen Prüfungen.  Nächste Woche z.B. habe ich zwar statt meiner normalen 12 nur 8 Stunden Unterricht, bin zum Ausgleich aber 10 Stunden Protokollant!  Ich würde lieber unterrichten, hänge nämlich in zwei Klassen ganz schön hinterher.  Aber das, scheint mir, ist das Los des Lehrers: Fürs Kerngeschäft zu wenig Zeit, dafür ganz viel nerviger anderer Kram!

4. Um hier nicht nur rumzujammern, auch mal etwas durchweg Positives: Es hat geklappt! Ich darf nächstes Jahr einen wöchentlichen Kurs für „besonders befähigte“ Schüler anbieten, die aus dem ganzen Landkreis kommen.  „Programmieren kreativ“ hab ich den Kurs mal genannt — und freue mich natürlich wie wahnsinnig darauf!  Es gibt an diesem sogenannten „Seminar“ Kurse in Mathe, verschiedenen Naturwissenschaften und eben Informatik* — die seien sogar besonders beliebt**, sagt man mir, so dass dieses Jahr gleich drei davon angeboten werden.  Ich habe — schluck — gleich den für „fortgeschrittene Oberstufenschüler“ bekommen, d.h. ich muss denen richtig Futter geben.  Sehr spannend, sehr herausfordernd.

5. Die Lehrerband.  Der große Auftritt beim Schuljahresabschlusshock rückt näher.  Die letzten vier Auftritte (Sommerfest 2012, Schulweihnachtsfeier 2012, Lehrerweihnachtsfeier 2012, Rock am Ring 2013) haben wir dermaßen gerockt, dass die Erwartungshaltung im Kollegium — insb. beim OStD — ins Unermessliche gestiegen ist. Werden wir das noch toppen können? Ich behaupte bescheiden: Ja!

Speaking of which…

6. Meine Serie „Musik mit Embee“ wird natürlich fortgesetzt, versprochen.  Ich habe ganz viel schönen Code schon lange fertig. Musikbeispiele von Bach bis Beatles sind bereits ausgewählt.  Aber: Ich muss den Code noch didaktisch reduzieren und pädagogisch sinnvoll organisieren, die Tonbeispiele präparieren und das Ganze am Schluss anschaulich präsentieren. Sowas braucht Zeit.  Und die fehlt mir gerade etwas, nicht nur wegen Punkt 1-3, sondern weil ich an den letzten Wochenenden des Schuljahres ständig unterwegs sein werden.  Z.B.:

7. Ende nächster Woche besuche ich Herrn Rau! Ja, da staunt ihr. Ich fahre zum Tag der Informatik-Lehrerinnen und -Lehrer, den er organisiert, nach München und halte da einen Workshop zu Snap! Auch das wird spannend und herausfordernd für mich; für die Teilnehmer hoffentlich eher anregend und kurzweilig.  Ach was, für mich wird es anregend und kurzweilig!
Vielleicht treffe ich ja den einen oder anderen hier Mitlesenden dort. (Ingo?)

Damit lasse ich’s für heute mal gut sein. Mehr als 7 Sachen kann sich sowieso keiner merken.  Nicht, dass ihr am Ende wieder vergessen habt, was #1 war. (Tipp: Es ist klein, soooo süß und schläft jetzt endlich.)

* Wo sind bei sowas eigentlich die Geisteswissenschaften? Ich höre von Freunden immer mal wieder von beeindruckenden SchülerInnen, die auf höchstem Niveau über Shakespeare-Sonette diskutieren.  Wo gehen die dann hin? Trotzdem in das Chemie-Begabtenseminar?

** Wenn ich das höre, könnte ich natürlich gleich wieder anfangen, über den Zustand der Schulinformatik in BW zu lamentieren.  Oder soll ich mich freuen? Offensichtlich gelingt es immer noch jungen Leuten, sich für Informatik zu interessieren, obwohl das Fach am Gymnasium ein Schattendasein fristet und wohl auch weiterhin tun wird.  Aber das dürfen heute mal andere bedauern, wenn die Interessierten dann bei mir im Kurs landen 😉  (Wahrscheinlich jammere ich dann aber doch wieder, wenn ich sehe, dass der Kurs zum 100% aus jungen Männern besteht.  Ich wollte doch immer die Mädchen für das Fach begeistern… Ob ich das erleben darf?)

3 Prüfungen und ein Baby

…und alles innerhalb der letzten sechs Tage.  Ich finde, die Bezeichnung „ereignissreiche Woche“ ist durchaus angebracht!

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Aber ich hab’s geschafft!

Es lief sogar alles ganz toll, erstaunlicherweise. Und damit ist der offizielle Teil meines Referendariats zu Ende.  Meine Noten stehen.  Ich bin durch.  Wie schnell das ging… verrückt!

Jetzt noch zwei Tage schulinterner Rundumdieuhrstress — dann kann ich mal ein bisschen Durchschnaufen und der Familie die Zeit widmen, die ihr zusteht…