Denken lernen durch Informatik, oder: Die Maulwurfswette

[Vorbemerkung: Ich hatte versprochen, einen Blog-Artikel darüber zu schreiben, warum es mir so wichtig ist, dass alle Schüler Informatikunterricht erhalten, warum ich also für ein #PflichtfachInformatik eintrete.  Aber wie es so geht: The tale grew in the telling… Was ihr vor euch habt, ist deshalb nur der erste Teil einer mehrteiligen Serie.  Gut daran ist, dass die Sache dadurch etwas interaktiver werden kann – schließlich ist das hier das Internet!  Wenn ihr also — was mich sehr freuen würde — hier kommentiert, wird dieses Feedback in die zukünftigen Teile einfließen.  Aber zuerst bin ich dran.  Also: Vorhang auf!]


 

Eine Reihenhaussiedlung.  Charlie klingelt bei Ada, einer Informatiklehrerin.  Sie öffnet.

Charlie: Ah, Ada, schön, dass ich dich zuhause antreffe.  Du hast du doch sicher einen Augenblick Zeit, nicht?

Ada: Hallo, Charlie. Eigentlich wollte ich gerade im Garten etwas Wichtiges erledigen… aber bitte, komm rein.

Charlie: Danke. Ich wollte dir nur erzählen, dass ich jetzt, glaube ich, verstehe, warum du so vehement für Informatikunterricht in der Schule eintrittst:  Die Feiertage mit meinen Nichten und Neffen… grausam…

Ada: So, du verstehst mich… Na, ich fürchte, ein Augenblick wird für unser Gespräch nicht ausreichen.  (Nimmt eine riesige Pfeffermühle aus dem Regal.) Aber komm doch einfach mit in den Garten; wir können uns dort unterhalten, während ich den Rasen maulwurfsicher mache.

Charlie: Wie? Mit der Pfeffermühle? Na, egal.  Meine Nichten jedenfalls… Also die Jugendlichen von heute schauen von ihren Smartphones ja gar nicht mehr hoch.  Total kommunikationsunfähig, nur noch körperlich anwesend, ansonsten in der Matrix.  Früher, als man mit den Dingern nur telefonieren konnte, ging’s ja noch.  Aber inzwischen sind das ja richtige Computer.  Und ich seh’s jetzt ein: Jemand muss den Kids beibringen, wie man die Dinger sinnvoll verwendet.   Also Ja zum Pflichtfach Informatik!

Sie betreten den Garten.

Ada: Charlie, du hast recht und liegst doch ganz falsch. Medienbildung, wie du sie dir vorstellst, ist natürlich wichtig.  Aber mir geht es um etwas noch Grundsätzlicheres.

Charlie: Du meinst, die Schüler müssen erstmal lernen, wie so ein Computer aufgebaut ist?

Ada: Nein, nein, das meine ich überhaupt nicht! Du weißt schon, dass es in der Informatik nicht um Computer geht?

Charlie: Nicht?

Ada: Nein! Der Computer ist nur das Werkzeug.  Zugegeben, ein komplexes, extrem vielseitiges Werkzeug.  Aber entscheidend ist, was der Mensch vor dem Computer denkt und wie er denkt.

Charlie: Ach, jetzt fängst du gleich mit solchen Haarspaltereien an.  Es läuft doch auf jeden Fall darauf heraus, dass man vor der Kiste hängt.

Ada: Also, erstens verbringen Informatiker, egal ob in der Industrie oder der Wissenschaft, viel weniger Zeit allein vor dem Computer, als du glaubst — aber dazu später mehr.  Zweitens wird das beim Schulfach Informatik ganz genauso sein.  Und drittens: Du bist doch Musik-Experte, nicht?

Charlie: Ich liebe Musik! Von Bach bis zu den Beatles, von Metallica bis Mozart, von van Beethoven bis Van Halen, von…

Ada: (unterbricht) …ist gut, ist gut, ich hab’s kapiert: Musik ist dein Ding.  Musik, die Kunst des Instrumentenbaus, die Wissenschaft von den Stereoanlagen und Hifi-Türmen,  die Lehre von den Plattenlabels und…

Charlie: Was redest du da? Das ist doch alles nicht das, was Musik ausma… Oh. Verstehe.

Ada: Ein berühmter Informatiker soll mal gesagt haben: „In der Informatik geht es genauso wenig um Computer wie in der Astronomie um Teleskope.“  Ein kluger Satz…

Charlie: …und weniger als 140 Zeichen lang!

Ada:  Oder in einer Variante speziell für dich: „Der Computer spielt für den Informatiker die gleiche Rolle wie für einen Komponisten das Orchester.“  Natürlich ist das Orchester wichtig, damit die Musik hörbar wird.  Entscheidend aber sind für den Komponisten sein Denken in musikalischen Strukturen und seine Kreativität.  Genauso ist es in der Informatik.

Charlie: Na wenigstens in Bezug auf Musik scheinen wir uns ja einig zu sein.  Aber du willst  doch nicht ernsthaft etwas so nüchtern-technisches wie Informatik mit Kunst vergleichen, oder?

Ada: „Nüchtern-technisch“ – wenn ich das nur höre, werde ich schon sauer.  Genau dieses Bild von der Informatik ist ja der Anfang des ganzen Übels.  Kein Wunder, dass die meisten Schüler und v.a. die Schülerinnen schon vergrault sind, bevor sie überhaupt eine Chance hatten zu erfahren, was Informatik wirklich ist.

Charlie: Aber was ist sie denn nun wirklich? Und vor allem: Wenn sich Informatik weder mit Smartphones noch mit Computern beschäftigt, die ja nun wirklich für den Alltag eine große Rolle spielen – dann klingt mir das nicht nach einem Fach, das alle Schüler haben müssten.  Würde es nicht ausreichen, wenn diejenigen Informatikunterricht wählen, die mal Programmierer oder sowas werden wollen?  (murmelt) Die Nerds eben?

Ada: Ja, das ist die entscheidende Frage. Meine Antwort darauf: Nein, das reicht nicht, aus vielen Gründen nicht.  Der für mich wichtigste ist, etwas verkürzt gesagt: Informatik kennenlernen, heißt Denken lernen!

Charlie: Oha, steile These!  Die musst du aber erstmal begründen!

Ada: Ich will dir das gerne erklären. Aber jetzt… (nimmt die Pfeffermühle und beginnt auf dem Rasen zu mahlen) …muss ich erstmal, etwas gegen die Maulwürfe unternehmen.

Charlie: Wee Tee Eff?

Ada: Ich habe ein Verfahren entwickelt, um Maulwürfe zu vertreiben.  Du weißt ja, ein paar Straßen weiter sehen manche Gärten bereits aus wie frisch umgepflügt.  Aber ich bin mir sicher, dass man sie fernhalten kann, wenn man den Rasen mit einer ordentlichen Dosis Pfeffer bestäubt.

Charlie: Das meinst du jetzt nicht ernst, oder? Einen größeren Quatsch hab ich ja noch nie gehört! (Murmelt) Ich weiß, wer hier erstmal „Denken lernen“ sollte…

Ada: Wir können ja wetten.

Charlie: Mit Vergnügen.  Wie genau hast du dir das vorgestellt?

Ada: Indem du versucht, meine Theorie zu widerlegen.  Praktischerweise habe ich gestern schon eine Nachbarschaftsversammlung einberufen, um meine Idee den Besitzern der umliegenden Gärten, Anna, Bobo, Coco und Didi vorzustellen…

Charlie: Deine Nachbarn heißen Anna, Bobo, Coco und Didi?

Ada: Ja. Wieso?

Charlie: Die Namen kommen mir irgendwie seltsam vor.

Ada: Weiß nicht, was du meinst.  Na jedenfalls habe ich mein Konzept präsentiert und die anderen wollten drüber nachdenken, ob sie es mal ausprobieren.  Naja, bis auf Didi: Er hat gleich gesagt, dass er die Idee für Schwachsinn hält.

Charlie: Ist mir nicht unsympathisch, der Herr.

Ada: Anna hingegen war gleich Feuer und Flamme, hat sich sofort meine Mühle mit Peugot-Mahlwerk geborgt und ihren Garten ordentlich eingepfeffert

Charlie:  Was ist mit den anderen beiden, Bobo und Coco?

Ada: Mit denen habe ich seitdem noch nicht wieder gesprochen. Aber ihre Gärten grenzen direkt an meinen an.  Schauen wir doch einfach mal über die Zäune. Oh je, Bobos Garten sieht übel aus.  Da war aber mehr als ein Maulwurf am Werk…

Charlie: Dann ist das auf der anderen Seite der Garten von Coco? Der ist aber gepflegt! Finde ich fast schon steril.  Jedenfalls waren hier keine Maulwürfe!

Ada: Jetzt aber zurück zu unserer Wette. Ich schlage vor, wir machen es so: Du sagst mir, welche meiner Nachbarn wir auf jeden Fall besuchen und befragen müssen, um eventuelle Verstöße gegen meine Theorie festzustellen.  Wenn du den oder die richtigen nennst, hast du gewonnen, sonst ich. Einverstanden?

Charlie: Kein Problem. Wir gehen einfach zu allen.  Oder nee, muss ja gar nicht sein, es reicht ja eigentlich wenn wir nur zu… beziehungsweise vielleicht… Äh, warte mal kurz…

Ada: No pressure. Denk ruhig in Ruhe nach.

Charlie: Irgendwie hab ich den Verdacht, hier geht es gar nicht mehr um Maulwürfe und Pfeffer… Die Geschichte dient in Wirklichkeit dazu, mir irgendwas zu demonstrieren, oder?

Ada: Ich? Glaubst du etwa, ich habe die Maulwurfshügel selbst aufgeschüttet?

Charlie: (verlegen) Das nicht gerade… aber das alles hier… deine Nachbarn mit den komischen Namen… das hat sowas Unwirkliches.  Ich bin ganz durcheinander.  Ich glaube, ich möchte, bevor wir losgehen, erst nochmal alle Informationen in einem Diagramm festhalten.

Ada: Eine hervorragende Idee! Auch in der Informatik ist die Wahl der passenden Repräsentation für ein Problem oft schon der halbe Weg zu seiner Lösung.

Das folgende Diagramm entsteht:

maulwuerfe

Charlie: Ah, das hilft mir wirklich. Ich glaube, ich weiß jetzt, wen wir befragen müssen, um deine Theorie zu überprüfen.

Ada: Prima, aber bitte nur diejenigen, deren Aussage uns wirklich weiterhilft, sonst ziehen sie uns gleich wieder in ausschweifende Diskussionen über Mathematikunterricht oder Bürgerrechte im Digitalzeitalter hinein.

Charlie: Schon klar, wir befragen so viele Nachbarn, wie nötig, aber so wenige, wie möglich.

Ada: Nicht, dass du mich falsch verstehst: Meine Nachbarn sind alle total nett.  Leider sind sie auch alle Lehrer — d.h. immer auf Sendung.  Da kommt man so schnell nicht vom Zaun weg. Eigentlich würde ich sie dir auch gerne mal vorstellen; die haben nämlich auch alle was zum Schulfach Informatik zu sagen.  Ich weiß, was mir machen: Ich lade euch alle hier im Garten zum Kaffee ein. Und wer die Wette verliert, muss den Kuchen spendieren.

Charlie: Einverstanden. Komm mit, wir müssen hier entlang…

Ada: Unterwegs kann ich dir ja von meinem großen Idol Seymour Papert erzählen.  Die informatische Denkweise, die ich meinen Schülern beibringen will, hat er mal  als „die Essenz intellektueller Aktivität“ bezeichnet.

Charlie: Klingt ja gut, aber vorerst bleibe ich skeptisch.  Versuch ruhig weiter, mich vom Sinn des Informatikunterrichts zu überzeugen.  Das könnte vielleicht sogar klappen — deine Maulwurfstheorie hingegen werde ich schon an der nächsten Gartenpforte falsifizieren!

Ada: Ah, Popper gelesen? Sehr gut. Dann ist dir natürlich klar, dass du die Wette evtl. einfach verlierst, weil die Maulwürfe noch gar nicht da sind.  Auf diese Weise will ich natürlich nicht gewinnen. Deshalb: Wenn du mich zu genau den Nachbarn führst, bei denen du meine Theorie widerlegen könntest, gebe ich mich geschlagen und du gewinnst.
Hübsches Kleid übrigens, das du heute trägst. Neu?

Charlie: Danke! Mein Freund hat es mir zum Geburtstag geschenkt. Wieso fragst du?

Ada: Ach, nur so.

Sie gehen los.


[Fortsetzung folgt. (Aber wahrscheinlich dauert’s ein bisschen; das Kerngeschäft ruft.)  Bis dahin freue ich mich auf Kommentare hier. Zu welchem oder welchen Nachbarn würdet ihr gehen? (Wer den Ursprung dieser Wette kennt, bitte nicht spoilern!]

 

Advertisements

Das Wunschblog

In meiner Kindheit in den 1980er Jahren gab es im ZDF den Wunschfilm, bei dem die Fernsehzuschauer per TED darüber abstimmen durften, welcher von drei Spielfilmen am Samstagabend gezeigt werden sollte.  Großes basisdemokratisch-partizipatives Fernsehen.  Video-On-Demand 1.0.   Ich habe es geliebt! (Obwohl niemand in meiner Familie auf die Idee gekommen, da womöglich selbst mal anzurufen.)

Die Musik — „dadadam dadadam!“ — zweitverwertet übrigens seitdem die jährliche SWR1-Hitparade, auch so ein Relikt meiner Jugend.

So etwas möchte ich hier auch mal versuchen.  Dadadam dadadam!

Der Leserkreis dieses Blogs ist ja leider recht überschaubar.  Da wäre es doch schade, wenn diejenigen wenigen, die den Weg hierher finden, auf Artikel stießen, die sie gar nicht interessieren. Erst recht, weil ich zwar eine lange Liste von Themen habe, über die ich gerne bloggen würde, aber so selten dazu komme.  Wäre doch schade, wenn ich dann eins aussuche, das keinen interessiert.  Also mache ich es lieber wie das ZDF damals und frage einfach nach. Meine Damen und Herren, liebe Kinder, ich präsentiere Ihnen:

Den Das  ZIDS-Wunschblog! 

Und so läuft’s (dadadam dadadam):  Unten stelle ich euch drei Themen vor. Abstimmen darf jeder, egal ob alter oder neuer Leser, und kostenlos ist’s auch.  Sagt einfach per Kommentar hier im Blog oder per Antwort auf den folgenden Tweet, welches Thema euch am meisten interessiert.  (Kompliziertere Vorting-Systeme à la edchat.de überlege ich mir erst, wenn mehr als 20 Leute mitmachen — und das will ich erst sehen, bevor ich es glaube…)

Für dieses erste (hoffentlich nicht letzte) Wunschblog habe ich drei informatikbezogene Themen ausgewählt, wegen der Stammleserschaft.   Und hier kommen sie.  Dadadam dadadam:


Thema 1: Informatik für alle

Soll Informatik als verpflichtendes Fach in unseren Schule unterrichtet werden? Diese Frage wird (in meiner Ecke des Internet) viel diskutiert und zwar durchaus kontrovers.  Manche wollen in erster Linie mehr Medienpädagogik, andere kämpfen für genuin informatische Inhalte, wieder andere wollen nur das „Coding“ in den Vordergrund stellen.  Der eine sorgt sich um die fehlenden IT-Spezialisten in der deutschen Wirtschaft, der andere um Rechte und Mündigkeit der Bürger in der digitalen Gesellschaft.  Und es gibt nicht wenige Menschen, die finden, dass die Welt auch ohne Informatikunterricht schon digital genug ist.
Ich habe dazu selbstverständlich eine Meinung und eine Position, fast schon eine Mission, die ich schon lange mal verschriftlichen wollte. Jetzt wäre, dadadam dadadam,die Gelegenheit dazu.


Thema 2: Musik machen mit JythonMusic

Vor längerer Zeit habe ich eine Blog-Serie zu, nennen wir es mal, algorithmischer Musiktheorie gestartet – und sie nach dem zweiten Artikel nie wieder fortgesetzt.  Das lag nicht nur an fehlender Zeit, sondern auch daran, dass der Weg Python → LilyPond → Midi-Datei → Töne viel zu umständlich für echtes „Musizieren“ war, so dass mir (trotz vieler Ideen) ein wenig der Spaß vergangen ist.  Inzwischen gibt es aber JythonMusic, ein tolles Projekt, bei dem man (sogar ohne viel zu installieren) sofort loslegen und Musik machen kann.
In den Herbstferien lag ich ein paar Tage im Krankenhaus, war aber fit genug, um endlich mal wieder (ablenkungsfrei) zu programmieren. Ich bzw. mein Computer bzw. wir beide zusammen haben dabei einige interessante Sachen „komponiert“.  Wenn ihr also zu der illustren Gruppe von Leuten gehört, die sich sowohl für ein bisschen Musiktheorie als auch Programmierung interessiert, lasse ich euch, dadadam dadadam, gerne daran teilhaben.


Thema 3: Funktionaler Programmierspaß in Java 8

Java ist als Einstiegsprogrammiersprache in der Schule eine Katastrophe! (IMNSHO). Unter anderem weil ich dachte, dass sähen alle so, habe ich vor drei Jahren an dieser Stelle vermutet, dass „wir“ in fünf Jahren nicht mehr Java unterrichten werden.  Nun ja, die sind ja noch nicht rum…

Jedenfalls habe ich mich kürzlich etwas peinlich berührt an diese Aussage erinnert: Ich habe nämlich eine Fortbildung zu Java 8 geleitet.  Das war für mein Ziel, Java aus der Schule zu verbannen, wohl eher kontraproduktiv — diente aber auch einem anderen Zweck.  Ich wollte den Kollegen eher zeigen, dass Objektorientierung nicht alles ist, dass Java jetzt endlich auch funktionale Elemente hat und dass das Programmieren in Java damit sogar richtig Spaß machen kann.

Ich kann natürlich hier keine zweitägige Fortbildung reproduzieren, würde euch aber meine Materialien, ein paar verblüffende Beispielprogramme und eine Aktualisierung der Diskussion über Java in der Schule anbieten. Wer also schon länger wissen wollte, was es mit diesen Lambda-Ausdrücken, funktionalen Interfaces und Streams auf sich hat, und auch, ob das für die Schule relevant sein könnte, der möge, dadadam dadadam, für dieses Thema stimmen.


So, und nun hoffe ich auf rege Beteiligung.  Ich lasse die Abstimmung eine Woche laufen, ach, sagen wir doch gleich: bis Weihnachten 2015! Danach gebe ich das Ergebnis hier bekannt und setze mich in den Weihnachtsferien hin und schreibe.

Dadadam dadadam!